Adipositas und Sex (Folge 2): Erektionsstörungen, Stress und Sex
Shownotes
Aber das Wichtigste hat Dennis auf der Stirn geschrieben, nicht unter dem Gürtel. Sein Problem sitzt im Kopf. Barbara Müller erklärt, warum Sexualität nicht nach dem Knopfdruck-Prinzip funktioniert und wie Erfahrungen, Erwartungen und Ängste die Erektion beeinflussen. Der Mythos, dass Männer immer können und immer wollen, erzeugt Druck. Wer sich beim Sex selbst überwacht wie ein TÜV-Prüfer, verliert genau das, was Erregung erst möglich macht: Sicherheit, Entspannung und Nähe.
Dennis begreift: Sex ist mehr als Penetration. Wer nicht jede Berührung auf ein festes Ziel trimmt, gewinnt Raum für Neugier und Lust. Offene Kommunikation mit der Partnerin hilft. Ein ehrlicher Satz reicht oft schon.
Der wichtigste Moment kommt von Dennis selbst. Seine Erkenntnis: Das größte Problem war nicht die Erektionsstörung, sondern die Scham, die er deswegen gefühlt hat. Barbara Müller macht klar: Potenzprobleme machen keinen Mann weniger männlich. Wiederkehrende oder länger bestehende Erektionsprobleme sollten medizinisch abgeklärt werden, so wie bei Dennis. Und manchmal ist ein Teil der Lösung ein anderer Blick auf sich selbst.
Hinweis: Diese Folge ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden wendet dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.
Wichtige Themen der Folge
- Warum Erektionsstörungen oft nicht nur ein körperliches, sondern ein psychisches Problem sind
- Was passiert, wenn beim Sex der Kopf das Kommando übernimmt
- Wie Leistungsdruck und Selbstbeobachtung eine Abwärtsspirale erzeugen
- Warum der Vergleich mit anderen eine falsche Vorstellung von „normal" erzeugt
- Was sexuelle Erregung wirklich braucht: Sicherheit, Entspannung und Nähe
- Warum Sex mehr ist als Penetration und Orgasmus
- Wie ein einziger ehrlicher Satz die Kommunikation mit der Partnerin verbessern kann
- Warum Scham oft das größere Problem ist als die Erektionsstörung selbst
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Transkript anzeigen
00:00:00: Barbara Müller: Mein Penis braucht offenbar weniger Projektmanagement. Ja, hallo ihr Lieben, ich bin Barbara Müller, Diabetesberaterin und es ist so schön, dass ihr wieder da seid. Und heute geht es weiter mit Sexualität, Adipositas und Gesundheit. Ganz offen, respektvoll und wissenschaftlich. Und natürlich mit einem Augenzwinkern.
00:00:35: Barbara Müller: Denn Dennis ist wieder da und Dennis ohne Augenzwinkern wäre ungefähr wie die Disco ohne Musik. Theoretisch möglich, aber niemand möchte das erleben. Ihr erinnert euch: Dennis ist siebenundvierzig Jahre alt. Er ist Architekt, ein Meter fünfundachtzig groß. Er wiegt einhundertsechsunddreißig Kilos und er liebt Partys, guten Wein und Beziehungen mit überschaubarer Vertragslaufzeit.
00:01:10: Barbara Müller: Dennis nennt das weiterhin Kurzzeitmiete. Ich nenne es: Du hast nur Angst vor den Nebenkosten.
00:01:35: Barbara Müller: In Folge eins hatte sein kleiner Mann allerdings beschlossen, nicht mehr zuverlässig zum Dienst zu erscheinen. Meine Empfehlung war deshalb ziemlich unromantisch, aber äußerst sinnvoll: Ein Arzttermin statt Selbstzweifeln. Und Dennis war tatsächlich beim Arzt. Er hatte es mir schon erzählt. Und einige Wochen später sitzt Dennis wieder vor mir.
00:02:05: Barbara Müller: „Barbara, ich war beim Arzt." „Und Dennis, was denn so schlimm?" „Barbara, eigentlich überhaupt nicht. Es war gut, dass du mich hingeschickt hast." Ich schaue ihn an: „Na, du bist doch freiwillig hingegangen." Dennis meint: „Barbara, übertreib nicht." „Dennis, du bist ein Mann, der eine Vorsorgeuntersuchung behandelt wie andere Leute eine Steuerfahndung."
00:02:35: Barbara Müller: Ich darf schon etwas überrascht sein. Sein Blutdruck war zu hoch, der wurde eingestellt und auch die Blutfette. Sein Blutzucker wird weiter kontrolliert. Dennis trinkt inzwischen weniger Alkohol und bewegt sich auch mehr. Auch seine Ernährung hat er verändert. Er isst deutlich weniger Fertigprodukte und er bewegt sich auch mehr im Alltag.
00:03:01: Barbara Müller: „Und?", frage ich. Er grinst mich an. „Barbara, ich merke einen Unterschied." Ich hebe die eine Augenbraue. „Na?" „Keine Details." „Danke. Ich wollte heute ohnehin ruhig schlafen." Dann wird er ernst: „Barbara, ich glaube, mein Problem sitzt gar nicht da unten, sondern", er tippt sich an die Stirn, "hier." „Aha, das Obergeschoss."
00:03:33: Barbara Müller: Der Kopf schläft mit. Und dann trifft Dennis einen wichtigen Punkt. Sexualität funktioniert nicht nach dem Prinzip Knopf drücken, Erektion da, die Veranstaltung ist eröffnet. Unser Gehirn mischt kräftig mit. Erfahrungen, Erwartungen, Ängste, Stimmung und all die Vorstellungen darüber, wie Sex eigentlich sein muss.
00:04:04: Barbara Müller: Männer wollen immer. Männer können immer. Ein guter Liebhaber funktioniert immer. Dennis schaut mich an: "Wer hat diesen Quatsch denn erfunden?" Tja, Dennis, vermutlich derselbe Mann, der überhaupt keine Bedienungsanleitung braucht. Manchmal macht nämlich nicht der Körper den größten Druck, sondern die Vorstellung davon, wie es funktionieren müsste.
00:04:35: Barbara Müller: Was ist eigentlich normal? Dennis sagt: "Vielleicht stimmt mit mir einfach etwas nicht." Ich frage: "Was wäre denn für dich normal?" Stille. "Na ja, Barbara, normal eben." Na, Dennis, das ist ja eine starke Definition. Fast wissenschaftlich.
00:05:01: Barbara Müller: Viele Menschen vergleichen ihre Sexualität mit dem, was andere angeblich tun. Wie oft, wie lange, wie spontan, wie leidenschaftlich. Und erstaunlicherweise kennen wir immer jemanden, bei dem angeblich alles dreimal die Woche fünfundvierzig Minuten und bei Kerzenschein stattfindet. Dennis, normal ist das nicht, was unser Nachbar erzählt.
00:05:36: Barbara Müller: Er nickt. Gott sei Dank, Barbara. Der erzählt wirklich ganz merkwürdige Sachen. Siehst du? Datenschutz kann auch ein Geschenk sein. Die Wirklichkeit ist vielfältiger. Menschen haben unterschiedlich viel Lust, unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Körper und auch unterschiedliche Lebensphasen.
00:06:04: Barbara Müller: Sexualität verändert sich. Das ist kein Defekt, sondern ziemlich menschlich.
00:06:18: Barbara Müller: Wenn Sex zur Führerscheinprüfung wird. Schwierig wird es, wenn im Kopf plötzlich der Satz auftaucht: "Ich muss jetzt funktionieren." Dann wird aus Nähe eine Prüfung. Und Prüfungsangst ist für die sexuelle Erregung ungefähr so hilfreich wie ein Feueralarm beim Candle-Light-Dinner. Dennis erzählt mir: "Beim ersten Mal dachte ich, es ist passiert.
00:06:50: Barbara Müller: Beim zweiten Mal dachte ich schon vorher daran, ob das heute klappt und beim dritten Mal wusste ich beim Küssen: Heute wird es wieder nichts." So kann ein Kreislauf entstehen. Einmal klappt etwas nicht, beim nächsten Mal erinnert man sich daran und dann kommt: Hoffentlich klappt es diesmal. Und plötzlich beobachtet man sich selbst.
00:07:21: Barbara Müller: Reicht das? Bleibt die Erektion? Was denkt sie? Was macht er da unten? Warum macht er das? Dennis nickt. Barbara: Ich bin beim Sex inzwischen mein eigener TÜV-Prüfer. Dennis, dann kündige dem TÜV. Einfach so, ja. Dein Penis braucht keine Plakette. Während man eigentlich küssen, berühren und genießen könnte, sitzt man geistig im Kontrollraum und überwacht die Technik.
00:07:57: Barbara Müller: Romantik sieht anders aus. Das Gehirn gern dabei, aber bitte nicht als Bauleiter. Sexuelle Erregung beginnt mit Wahrnehmung, mit Berührung, Geruch, Blick, Fantasie, mit Nähe. Das Gehirn verarbeitet diese Reize. Das Nervensystem gibt Signale weiter. Die Blutgefäße reagieren. Das funktioniert besonders gut, wenn wir uns sicher und ganz entspannt fühlen.
00:08:32: Barbara Müller: Angst und Stress können den Körper dagegen in Alarmbereitschaft versetzen und der Körper denkt dann nicht unbedingt: "Wunderbar, jetzt wäre ein erotischer Höhepunkt organisatorisch sehr passend." Dennis fragt: "Also soll ich beim Sex weniger denken?" Nicht unbedingt. Sondern, Dennis, vielleicht über etwas anderes als deinen Penis.
00:09:00: Barbara Müller: Zum Beispiel die Frau. Die wäre doch ein Anfang.
00:09:10: Barbara Müller: Sex ist mehr als ein Bauprojekt mit Endabnahme. Ich frage Dennis: Dennis, was ist eigentlich Sex für dich? Na ja, Barbara, Geschlechtsverkehr. Und alles andere? Er schaut mich an. Was meinst du, alles andere? Dennis, wir haben zehn Minuten Podcast Zeit. So viel Zeit habe ich für deine Fortbildung nicht. Dennis, Nähe, Berührung, Küssen, Zärtlichkeit, Fantasien, gemeinsame sinnliche Erfahrung.
00:09:43: Barbara Müller: Sexualität besteht nicht nur aus Penetration und dem Orgasmus. Dennis, allein diese Erkenntnis kann Druck herausnehmen. Wenn nicht jede Berührung ein festgelegtes Ziel erreichen muss, entsteht wieder Raum für Nähe, Neugier und Lust und dafür, dass ein Körper einmal anders reagiert als erwartet. Dennis sagt: Barbara, wenn nicht alles auf die Erektion hinauslaufen muss, habe ich plötzlich viel mehr Möglichkeiten.
00:10:18: Barbara Müller: Dennis, willkommen in der Erwachsenenbildung. Barbara, gibt's da auch ein Zertifikat für? Nein, aber bei guter Mitarbeit vielleicht bekommst du einen Keks.
00:10:36: Barbara Müller: Und was denkt die andere Person? Dennis fragt: „Barbara, ich habe Angst, dass eine Frau denkt, ich finde sie nicht attraktiv, wenn es nicht funktioniert." Eine fehlende oder nachlassende Erektion bedeutet aber nicht automatisch fehlende Lust, Attraktivität oder Zuneigung. Der Körper kann Schwierigkeiten mit einer sexuellen Reaktion haben, obwohl die Anziehung vorhanden ist.
00:11:09: Barbara Müller: Deshalb kann Kommunikation helfen. Ja, dieses Wort, bei dem Dennis sofort aussieht, als hätte ich ihm eine Darmspiegelung ohne Sedierung angeboten. Ich soll darüber reden, Barbara? Ja, währenddessen. Du musst keinen TED Talk halten. Ein ehrlicher Satz reicht. Zum Beispiel: „Ich finde dich attraktiv. Ich bin aber gerade ziemlich angespannt."
00:11:40: Barbara Müller: Oder: „Das hat nichts mit dir zu tun. Mein Körper macht gerade einfach nicht das, was ich gerne hätte." Ich sage zu Dennis: „Du bist Architekt. Du erklärst Bauherren doch auch, warum eine Wand nicht dort stehen kann." Dennis meint: „Barbara, eine Erektion ist aber keine Wand." Richtig. Und genau deshalb muss sie auch nicht immer stehen.
00:12:11: Barbara Müller: Eine kurze Pause. Barbara: Den Satz klaust du dir jetzt für deinen Podcast, oder? Dennis: Ja, selbstverständlich.
00:12:29: Barbara Müller: Jetzt kommt Barbaras kleine Mutmacher. Vielleicht kennst du diesen Druck. Ich muss funktionieren. Ich muss jetzt Lust haben. Ich muss eine Erektion bekommen. Ich muss einen Orgasmus haben. Ich muss so sein wie andere. Nein. Sexualität ist kein Leistungssport und keine Prüfung. Wiederkehrende oder längere bestehende Erektionsprobleme sollten medizinisch abgeklärt werden, so wie bei Dennis.
00:13:02: Barbara Müller: Aber manchmal ist ein Teil des Problems auch die Erwartung, der eigene Körper müsse jederzeit auf Kommando funktionieren. Dennis steht auf. "Barbara, ich habe heute etwas gelernt." Was denn? "Mein kleiner Mann braucht weniger Kontrolle." Und dein großer Kopf? Er grinst mich an. "Der braucht wahrscheinlich Hausverbot im Kontrollraum."
00:13:31: Barbara Müller: Sehr gut, Dennis. Fortschritt. An der Tür dreht er sich noch einmal um. "Barbara, eigentlich dachte ich, mein größtes Problem wäre, dass er manchmal nicht steht. Barbara, heute glaube ich, mein größtes Problem war, dass ich mich dafür geschämt habe."
00:13:57: Barbara Müller: Und vielleicht ist genau das der Gedanke für heute. Potenzprobleme machen einen Mann nicht weniger männlich. Sexualität muss nicht perfekt sein. Sie muss keinen Vergleich standhalten und keine Prüfungen bestehen. Sie darf Nähe sein, Lust, Berührung, Lachen, Unsicherheit, Neugier und manchmal auch ein Abend, an dem der kleine Mann sagt: „Heute ohne mich."
00:14:28: Barbara Müller: Ich bin Barbara Müller, Diabetesberaterin. Danke, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt. In der nächsten Folge wird es etwas technischer. Was passiert im Körper, wenn eine Erektion entsteht? Welche Rollen spielen Nerven, Gefäße und die Durchblutung? Und warum ist Stickstoffmonoxid dabei wichtiger, als sein Name nach Chemieunterricht klingt.
00:14:57: Barbara Müller: Passt gut auf euch auf, bleibt ganz neugierig auf euren Körper und verliert bei all dem ernsten Gesundheitsthema niemals euren Humor. Bis ganz bald und denkt daran, der Kopf darf beim Sex gern dabei sein. Er muss nur nicht jedes Mal die Bauleitung übernehmen. Ich wünsche euch alles Gute. Hier war eure Barbara.
00:15:23: Barbara Müller: Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe und Tschüss. Hier war Barbara.
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