Adipositas und Sex (1): Potenzprobleme und Übergewicht

Shownotes

Potenzprobleme sind noch immer ein Tabuthema. Über Rückenschmerzen oder Bluthochdruck sprechen wir ganz selbstverständlich, aber wenn es um die Sexualität geht, herrscht plötzlich Funkstille. Barbara zeigt, dass Erektionsstörungen (wiederholte Probleme, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten) kein Zeugnis über die Männlichkeit sind – sondern ein Gesundheitsthema, das man ansprechen darf und sollte.

An der Geschichte von Dennis macht Barbara Müller das Thema greifbar. Dennis ist 47 Jahre alt, Architekt undübergewichtig. Als er seit einigen Monaten immer wieder Erektionsprobleme hat, schämt er sich zunächst. Er spricht nicht mit seiner Begleitung darüber und sucht erst recht keinen Arzt auf. Eine Situation, die viele Männer kennen werden.

Barbara erklärt verständlich, wie eine Erektion überhaupt entsteht: Ein sexueller Reiz wird im Gehirn verarbeitet. Das Nervensystem leitet Signale weiter, Blutgefäße erweitern sich, und Blut strömt in die Schwellkörper (schwammartiges Gewebe im Penis, das sich mit Blut füllt). Eine Erektion braucht also Teamarbeit von Gehirn, Nerven und Blutgefäßen. Wenn einer dieser Bereiche gestört ist, kann das zu Problemen führen.

Ursachen für Erektionsstörungen gibt es viele: Blutgefäße, Nerven, Hormone, Medikamente, Alkohol, Stress, Ängste oder Erkrankungen. Eine einzelne fehlende Erektion ist noch keine Erkrankung! Stress, Müdigkeit oder Unsicherheit können eine Rolle spielen. Wenn die Probleme aber wiederholt auftreten, sollten sie medizinisch abgeklärt werden.

Besonders wichtig ist der Zusammenhang zwischen Adipositas (krankhaftes Übergewicht) und sexueller Funktion: Übergewicht bedeutet nicht automatisch, dass ein Mann Erektionsprobleme bekommt. Aber Adipositas kann mit gesundheitlichen Faktoren verbunden sein, die die sexuelle Funktion beeinflussen – zum Beispiel Bluthochdruck (zu hoher Druck in den Blutgefäßen), Diabetes (eine Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzucker dauerhaft erhöht ist), Fettstoffwechselstörung (erhöhte Blutfettwerte), Schlafprobleme oder Gefäßerkrankungen.

Deshalb schauen wir nicht nur auf ein einzelnes Körperteil, sondern auf den ganzen Menschen. Erektionsprobleme können bei manchen Männern ein Hinweis sein, Blutgefäße und Stoffwechsel genauer anzuschauen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jemand herzkrank ist. Es heißt lediglich: Lass es ärztlich abklären – mit Blutdruck-, Blutzucker- und Blutfettmessungen sowie weiteren Untersuchungen je nach Situation.

Ein weiterer wichtiger Mitspieler ist der Kopf. Viele Männer haben gelernt: Ein Mann will immer, ein Mann kann immer, ein Mann muss immer funktionieren. Diese Klischees setzen Männer unter Leistungsdruck. Der Gedanke „Hoffentlich klappt das heute" kann einen Kreislauf auslösen, bei dem die Angst vor dem Versagen das Versagen begünstigt. Aber: Dein Körper ist keine Maschine, und selbst Maschinen haben gelegentlich einen Montag.

Am Ende der Folge geht Dennis zum Arzt. Sein Blutdruck ist zu hoch, seine Blutfette könnten besser sein, der Blutzucker wird weiter kontrolliert. Er trinkt weniger Alkohol und bewegt sich mehr. Das Wichtigste aber: Er hat gelernt, über sein Problem zu sprechen. Dennis' Erkenntnis: „Mein größtes Problem war, dass ich mich nicht getraut habe, darüber zu reden."

Barbara ermutigt alle Männer, die sich in dieser Geschichte wiedererkennen: Wenn Probleme wiederholt auftreten, sprecht darüber! Beim Arzt reicht ein einziger Satz: „Mir ist das unangenehm, aber ich habe seit einiger Zeit Probleme mit meiner Erektion."

Wichtiger Hinweis: Diese Folge ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn du wiederholt Erektionsprobleme hast, wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

Transkript anzeigen

00:00:00: Barbara Müller: Potenzprobleme sind kein Männlichkeitstest. Hallo ihr Lieben, ich bin Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG und es ist so schön, dass ihr wieder da seid. Heute starten wir eine Podcast-Reihe über ein Thema, bei dem erstaunlich viele Menschen plötzlich sehr intensiv auf ihre Schuhe schauen. Sexualität, Adipositas und Gesundheit.

00:00:32: Barbara Müller: Wir sprechen ganz offen, respektvoll und wissenschaftlich darüber, aber immer mit einem Augenzwinkern, denn Gesundheit ist ernst genug. Wir müssen sie nicht noch mit Grabesstimme erzählen. Und damit Vorhang auf für Dennis.

00:00:56: Barbara Müller: Dennis ist siebenundvierzig Jahre alt, er ist Architekt, ein Meter fünfundachtzig groß und wiegt einhundertsechsunddreißig Kilo. Und er liebt guten Wein, Partys, Clubs und er liebt die Frauen. Feste Beziehungen eher nicht. Dennis sagt zu mir: "Barbara, ich bin mehr der Typ Kurzzeitmiete." Ich fang an zu lachen.

00:01:22: Barbara Müller: Ich sage: "Dennis, du bist Architekt. Natürlich denkst du sogar bei Beziehungen in Immobilienbegriffe." Normalerweise lachen wir ganz viel miteinander. Diesmal sitzt er vor mir. Er schaut auf seine Hände und sagt: "Barbara, ich muss dir etwas erzählen." "Na ja, dann erzähl mal." 'Ne kurze Pause, bis er anfängt zu sprechen.

00:01:47: Barbara Müller: "Barbara, mein kleiner Mann streikt." "Seit wann?" "Seit ein paar Monaten." "Immer?" "Nein, aber inzwischen oft genug, dass ich schon vorher darüber nachdenke." Und genau da wird es wichtig, denn Erektionsprobleme sind kein Zeugnis über die Männlichkeit. Und der Penis ist auch kein Mitarbeiter, der jeden Morgen pünktlich einstempeln muss.

00:02:23: Barbara Müller: Erektionsprobleme können viele Ursachen haben. Blutgefäße, Nerven, Hormone, Medikamente, Alkohol, Stress, Ängste oder Erkrankungen. Manchmal ist es schlicht ein schlechter Abend. Wenn es aber wiederholt passiert, lohnt es sich, einen genauen Blick darauf zu werfen. Dennis erzählt von einem Samstagabend. Disco, Wein, Musik und Tanja, die er sehr attraktiv fand.

00:02:58: Barbara Müller: „Barbara, es lief hervorragend", sagt er. Bis es eben nicht mehr lief. „Und plötzlich, Barbara, nichts." Dennis macht mit der Hand eine Bewegung nach unten. „Barbara, da unten Totalausfall." Dennis, medizinisch nennen wir das eine Erektionsstörung. Klingt nicht besonders romantisch, aber wenigstens nach etwas, das man abklären kann.

00:03:29: Barbara Müller: Er schaut mich an: „Tanja dachte bestimmt, ich find sie nicht attraktiv." „Hat sie das zu dir gesagt?" „Nein, Barbara." „Hast du mit ihr darüber gesprochen?" Er sieht mich an, als hätte ich vorgeschlagen, seine Steuererklärung beim nächsten Date vorzulegen. „Barbara, natürlich nicht. Ich habe nichts gesagt. Und sie hat auch nichts gesagt."

00:03:55: Barbara Müller: Und genau das ist das Problem. Über Rückenschmerzen reden wir, über Blutdruck auch, über die Verdauung teilweise sogar ungefragt. Aber beim Thema Sexualität plötzlich herrscht Funkstille.

00:04:17: Barbara Müller: Immer noch ein Tabuthema. Dabei gilt: Eine einzelne fehlende Erektion ist noch keine Erkrankung. Stress, Müdigkeit, Alkohol, Unsicherheit, all das kann eine Rolle spielen. Der Körper ist keine Maschine und selbst Maschinen haben gelegentlich einen Montag. Wenn Erektionsprobleme aber wiederholt auftreten, sollten sie medizinisch abgeklärt werden.

00:04:47: Barbara Müller: Nicht weil ein Mann nicht funktioniert, sondern weil der Körper möglicherweise etwas mitteilen will. Ich sag zu Dennis: "Eine Erektion beginnt übrigens nicht im Penis, Dennis." Er schaut mich irritiert an. Wo denn sonst? Ich tippe an meinen Kopf. Hier, Dennis.

00:05:20: Barbara Müller: Ein kleiner wissenschaftlicher Ausflug. Keine Sorge, wir bleiben unterhalb der Schmerzgrenze. Ein sexueller Reiz wird im Gehirn verarbeitet. Das Nervensystem leitet Signale weiter. Blutgefäße erweitern sich, Blut strömt in die Schwellkörper. Für eine Erektion braucht es also Teamarbeit von Gehirn, Nerven und Blutgefäßen.

00:05:48: Barbara Müller: Dennis nickt. Das ist technisch anspruchsvoller als manche meiner Gebäude. Exakt. Und offenbar gibt es auch hier keine Baugenehmigung ohne funktionierende Leitungen. Dann kommen wir zu Dennis Adipositas. Ach, er seufzt. Jetzt kommt mein Gewicht, Barbara, oder? Ja, aber nicht als Schuldzuweisung. Und das ist mir wichtig.

00:06:18: Barbara Müller: Adipositas bedeutet nicht automatisch, dass ein Mann Erektionsprobleme bekommt, aber sie kann mit gesundheitlichen Faktoren verbunden sein, die die sexuelle Funktion beeinflussen können, zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörung, Schlafprobleme oder Gefäßerkrankungen und viele mehr.

00:06:43: Barbara Müller: Deshalb schauen wir nicht nur auf ein einzelnes Körperteil. Wir schauen auf den ganzen Menschen. Ohne Scham, ohne Schuld und möglichst ohne erhobenen Zeigefinger Der ist medizinisch sowieso selten besonders hilfreich. Erektionsprobleme können bei manchen Männern ein Hinweis sein, Blutgefäße und Stoffwechsel genauer anzuschauen.

00:07:11: Barbara Müller: Das heißt ausdrücklich nicht Erektionsprobleme gleich Herzkrankheit. Bitte keine Panik. Es heißt, wenn es immer wieder passiert, sprich darüber und lass es abklären. Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Medikamente, Alkohol, Schlaf und je nach Situation weitere Untersuchungen. Und dann gibt's noch einen ganz wichtigen Mitspieler, der sich gern ungefragt einmischt: den Kopf.

00:07:48: Barbara Müller: Dennis sagt: "Seit dem ersten Mal, Barbara, denke ich schon vorher: Hoffentlich klappt das heute." Willkommen im Leistungsdruck. Viele Männer haben gelernt, ein Mann will immer, ein Mann kann immer, ein Mann muss immer funktionieren. Nein, das sind Klischees, keine medizinischen Tatsachen. Ich sage zu Dennis: "Dennis, dein Penis hat keine Anwesenheitspflicht."

00:08:19: Barbara Müller: Er lacht. "Den Satz, den rahme ich mir ein." Mach das, Dennis, aber bitte häng es nicht über das Bett. Das könnte neue Erwartungen erzeugen. Denn genau dieser Leistungsdruck kann einen Kreislauf auslösen. Hoffentlich passiert es nicht wieder. Ist die Erektion stark genug? Bleibt sie? Und plötzlich ist man beim Sex nicht mehr beim anderen Menschen, sondern gedanklich im Kontrollzentrum und überwacht die Technik.

00:08:54: Barbara Müller: Romantik, ihr Lieben, sieht anders aus.

00:09:07: Barbara Müller: Dennis und ich machen deshalb einen Plan. Wichtig: medizinische Abklärung, weniger Alkohol, mehr Bewegung und Gewicht sowie Stoffwechsel langfristig angehen. Keine Crashdiät, keine Bestrafung, sondern einfach Veränderungen, die zu seinem Leben passen. Dennis: „Und Barbara, Disco?" Na klar, die darf bleiben. Mein Gott sei Dank, Barbara.

00:09:36: Barbara Müller: Vielleicht nur nicht jedes Mal bis vier Uhr morgens und vielleicht auch nicht immer mit einer Flasche Wein. „Barbara, jetzt wirst du aber kleinlich." Wir lachen beide. Ja, Dennis.

00:09:55: Barbara Müller: Einige Wochen später kommt Dennis wieder. „Barbara, ich war beim Arzt. Mein Blutdruck ist zu hoch und meine Blutfette, die könnten auch besser sein. Der Blutzucker, der wird weiter kontrolliert." Dennis trinkt inzwischen weniger und er bewegt sich auch mehr. Dann erzählt er mir: „Weißt du was, Barbara? Ich bin so froh, dass ich hingegangen bin."

00:10:21: Barbara Müller: Und sonst? Er grinst. „Barbara, ich merke einen Unterschied." Ich hebe die Augenbrauen. „Barbara, mehr Details bekommst du nicht." Danke. Meine professionelle Neugier hält sich in Grenzen. Falls du dich gerade ein bisschen in Dennis wiedererkennst, möchte ich dir etwas sagen: Eine Erektion entscheidet nicht darüber, wie männlich du bist, nicht darüber, wie attraktiv du bist und schon gar nicht darüber, wie wertvoll du bist.

00:11:00: Barbara Müller: Wenn Probleme wiederholt auftreten, darfst du darüber sprechen. Und wenn du beim Arzt nicht weißt, wie du anfangen sollst, reicht ein Satz: Mir ist das unangenehm, aber ich habe seit einiger Zeit Probleme mit meiner Erektion. Das genügt für den Anfang. Kein Vortrag, keine PowerPoint, kein Diagramm mit Quartalszahlen.

00:11:31: Barbara Müller: Als Dennis geht, dreht er sich noch einmal um. Barbara? Ja, Dennis. Ich dachte zuerst, mein größtes Problem wäre, dass er nicht mehr steht. Und jetzt? Er überlegt. Jetzt glaube ich, mein größtes Problem war, dass ich mich nicht getraut habe, darüber zu reden. Und genau das möchte ich euch mitgeben. Potenzprobleme sind kein Männlichkeitstest.

00:12:02: Barbara Müller: Sie sind ein Gesundheitsthema und Gesundheit darf besprochen werden. Hört eurem Körper zu. Sprecht über das, worüber sonst gern geschwiegen wird und verliert bei all den ernsten Gesundheitsthemen nicht euren Humor. Ich bin Barbara Müller. Danke, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt. Bis ganz bald und denkt daran: Manchmal ist Reden tatsächlich der erste Schritt, damit es wieder läuft.

00:12:35: Barbara Müller: Wenn euch der Podcast gefallen hat, bewertet ihr ihn bitte und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe. Hier war Barbara und tschüss.

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