Adipositas und Darmkrebs: Was das Risiko bedeutet – und was nicht
Shownotes
Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG, erklärt verständlich, was Adipositas mit einer Krebserkrankung zu tun haben kann – und was nicht. Denn ein erhöhtes Risiko ist keine sichere Ursache und schon gar keine persönliche Schuld.
In dieser Folge
- Was Adipositas bedeutet – und warum sie nicht einfach auf Essen und Bewegung zurückzuführen ist
- Was die Wissenschaft über den Zusammenhang zwischen Adipositas und Darmkrebs weiß
- Wie Entzündungsprozesse sowie Veränderungen im Hormon- und Stoffwechselgeschehen eine Rolle spielen können
- Welche alltagstauglichen Veränderungen für Karl-Heinz realistisch sein könnten
- Warum eine Radikaldiät während einer Krebserkrankung oder Krebstherapie keine gute Idee ist
Adipositas ist mehr als eine Zahl
Das Körpergewicht wird von vielen Faktoren beeinflusst: Ernährung und Bewegung spielen eine Rolle, ebenso Genetik, Stress, Medikamente und andere Erkrankungen. Adipositas auf zwei Ursachen zu reduzieren wäre, als würde man behaupten, für einen Baumkuchen brauche man nur Mehl und einen Ofen.
Adipositas ist mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebsarten verbunden, darunter Darmkrebs. Das heißt nicht, dass alle Menschen mit Adipositas an Darmkrebs erkranken – und ebenso wenig, dass Übergewicht jeden Darmkrebs verursacht. Eine Krebserkrankung entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Ein Risikofaktor ist keine persönliche Schuld.
Barbara Müller veranschaulicht das mit einem Regenschirm: Wer bei Regen ohne Schirm losgeht, hat ein höheres Risiko, nass zu werden. Aber nicht jeder ohne Schirm kommt automatisch klatschnass nach Hause. Risiko ist nicht gleich Ursache.
Was kann Karl-Heinz verändern?
Für Karl-Heinz ist Kuchen nicht nur Essen, sondern Beruf und Leidenschaft. Ihm Kuchen komplett zu verbieten, wäre so hilfreich, wie einem Friseur zu raten, beruflich möglichst keine Haare mehr anzufassen. Sinnvoller sind realistische Schritte: bewusster probieren, Bewegung nach und nach in den Alltag integrieren und die Ernährung ausgewogener gestalten – ohne Baumkuchen pauschal zu verbieten. Genuss und Gesundheit müssen keine Feinde sein.
Ernährung während einer Krebstherapie
Wichtig: Karl-Heinz sollte keine Radikaldiät auf eigene Faust beginnen. Während einer Krebserkrankung und Krebstherapie kann der Körper andere Unterstützung brauchen als bei einer üblichen Gewichtsabnahme. Ärztinnen und Ärzte sowie qualifizierte Ernährungsfachkräfte sollten deshalb in die Beratung einbezogen werden. Im Mittelpunkt steht, den Körper medizinisch sinnvoll zu unterstützen – nicht, möglichst schnell viele Kilos zu verlieren.
Die wichtigste Botschaft
Adipositas sollte ernst genommen werden. Aber ein Mensch ist nicht die Zahl auf der Waage: Karl-Heinz ist Konditor, Baumkuchenspezialist und Hochzeitstortenarchitekt. Seine Adipositas ist gesundheitlich relevant, sein Darmkrebs muss behandelt werden – und zugleich darf Karl-Heinz der Mensch bleiben, der er ist.
Hinweis: Diese Folge ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wende dich bitte an medizinische Fachkräfte.
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Transkript anzeigen
Barbara Müller: Ein erhöhtes Risiko ist keine Schuld und Gesundheit beginnt nicht mit Verboten, sondern manchmal einfach mit einem ersten kleinen Schritt. Ja, hallo, hier ist wieder Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Schön, dass du wieder da bist. Ich möchte heute einfach mal Danke sagen. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass so viele Menschen mit Adipositas meinen Podcast hören, mir ihr Vertrauen schenken und mich auf diesem Weg begleiten.
Barbara Müller Hinter jedem Zuhörer steckt ein Mensch mit einer ganz eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, Herausforderungen und Hoffnungen. Genau für euch mache ich diesen Podcast. Und heute geht es um Karl-Heinz. Karl-Heinz ist zweiundfünfzig Jahre alt, ein Meter achtundsiebzig groß, wiegt: hundertdreiunddreißig Kilo und ist Konditor aus Leidenschaft. Barbara Müller: Und seine Spezialität: Baumkuchen. Seine Hochzeitstorten. So gut, dass Brautpaare bei ihm Schlange stehen. Als Karl-Heinz bei mir sitzt, erzählt er: "Barbara, andere Menschen bauen Häuser. Ich baue Torten. Und bei beiden sollte man beim Fundament nicht sparen." Ja, Karl-Heinz, und wie sieht es mit deinem eigenen Fundament aus?
Barbara Müller Karl-Heinz überlegt kurz und schnauft. "Na ja, sagen wir mal so Das Fundament ist sehr solide." Leider hat Karl-Heinz bei seinem eigenen Fundament gesundheitlich ein kleines Problem. Denn mit einhundertdreiunddreißig Kilo bei ein Meter achtundsiebzig liegt sein BMI ungefähr bei: zweiundvierzig. Damit sprechen wir von einer ausgeprägten Adipositas. Barbara Müller: Und dann bekommt Karl-Heinz eine Diagnose, bei dem selbst einem Konditor der Appetit vergeht: Darmkrebs. Damit stellt sich eine wichtige Frage für ihn: Was hat Adipositas mit seiner Krebserkrankung zu tun? Und genau darüber sprechen wir heute. Ganz verständlich, ernst, aber ohne den Humor komplett in der Backstube zu lassen.
Barbara Müller Was bedeutet Adipositas eigentlich? Zunächst einmal, Adipositas bedeutet nicht einfach, dass jemand ein paar Kilogramm zu viel wiegt. Und sie ist auch nicht automatisch das Ergebnis von zu viel gegessen, zu wenig bewegt. Das wäre ungefähr so, als würde Karl-Heinz behaupten, für einen: Baumkuchen brauche man nur Mehl und einen Ofen. Barbara Müller: Karl-Heinz sagt: "Barbara, jetzt beleidigst du aber mein Handwerk." Karl-Heinz, siehst du, und genauso wenig möchte ich deinen Körper auf zwei Zutaten reduzieren. Ganz so einfach ist es nämlich nicht. Das Körpergewicht wird von ganz vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören natürlich die Ernährung, die Bewegung, aber beispielsweise auch genetische Faktoren, Stress, Medikamente oder auch andere Erkrankungen.
Barbara Müller Karl-Heinz selbst hat jahrelang eine etwas andere medizinische Erklärung bevorzugt. Karl-Heinz "Ich muss meine Torten schließlich probieren. Das nennt man Qualitätskontrolle." Karl-Heinz. Und wie oft findet diese Qualitätskontrolle statt? Karl-Heinz meint "Barbara, so oft wie nötig." Ich frage Karl-Heinz. Eine: kurze Pause. Barbara Müller: Karl-Heinz sagt: "Gut, manchmal vielleicht auch, wenn es nicht unbedingt nötig wäre." Ja, so kann man das auch nennen. Wenn die Qualitätskontrolle allerdings fünfmal täglich stattfindet, wird aus der Stichprobe irgendwann eine Vollerhebung. Barbara Müller: Jetzt kommen wir zu Adipositas und Darmkrebs. Bei Karl-Heinz liegt mit einem BMI von ungefähr zweiundvierzig eine ausgeprägte Adipositas vor und dies sollte ernst genommen werden, denn Adipositas kann mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen verbunden sein. Dazu gehören zum Beispiel Typ-zwei-Diabetes, Bluthochdruck, Kreislauferkrankungen, Gelenkbeschwerden.
Barbara Müller Und auch bei bestimmten Krebsarten gibt es einen Zusammenhang.: Dazu gehört Darmkrebs. Karl-Heinz wird an dieser Stelle ganz ernst. „Barbara, genau das beschäftigt mich. Habe ich mir den Krebs selbst eingebrockt?" Nein, Karl-Heinz. Und hier ist ganz wichtig: Niemand sollte Karl-Heinz sagen: „Du hast Darmkrebs bekommen, weil du zu dick bist." Barbara Müller: So funktioniert Krebs nicht. Eine Krebserkrankung entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Wenn ein Mensch einen Risikofaktor hat, können wir daraus nicht ableiten, warum genau dieser Mensch erkrankt ist. Ein erhöhtes Risiko ist keine persönliche Schuldzuweisung. Karl-Heinz sagt: „Also nicht Baumkuchen plus Bauch gleich Darmkrebs?"
Barbara Müller Nein, Karl-Heinz, diese Rechnung gibt es nicht. Oder anders gesagt Wer bei Regen ohne Regenschirm aus dem Haus geht,: hat ein erhöhtes Risiko, nass zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Mensch ohne Regenschirm automatisch klatschnass nach Hause kommt. Bei Adipositas und Darmkrebs ist die Sache natürlich deutlich komplizierter. Barbara Müller: Aber das Prinzip Risiko ist nicht gleich Ursache ist wichtig. Wir wissen, dass Adipositas mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Krebsarten verbunden ist, darunter auch Darmkrebs. Warum das eigentlich?
Barbara Müller Fettgewebe macht mehr, als man denkt. Fettgewebe ist nicht einfach ein stilles Lager, in dem der Körper überschüssige Energie abstellt und irgendwann den Schlüssel verliert. Fettgewebe ist biologisch aktiv. Bei ausgeprägter Adipositas können unter anderem chronische Entzündungsprozesse sowie: Veränderungen im Hormon- und Stoffwechselgeschehen auftreten. Barbara Müller: Solche Veränderungen gehören zu den Mechanismen, mit denen Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Adipositas und verschiedenen Krebsarten erklären. Was ganz wichtig ist und was bleibt: Nicht jeder Mensch mit Adipositas bekommt Krebs und nicht jeder Darmkrebs wurde durch Übergewicht verursacht. Für Karl-Heinz geht es deshalb jetzt nicht darum, rückwärtszuschauen und einen Schuldigen zu suchen.
Barbara Müller Es geht darum, den Darmkrebs medizinisch behandeln zu lassen und gleichzeitig zu überlegen Was kann seinem Körper langfristig guttun? Und was kann Karl-Heinz verändern? Und da haben wir ein kleines praktisches Problem. Karl-Heinz ist Konditor. Einem Konditor zu sagen „Meiden Sie ab sofort Kuchen",: ist ungefähr so hilfreich, wie einem Friseur zu sagen: „Versuchen Sie beruflich bitte, Haare zu vermeiden." Barbara Müller: Kuchen ist nicht nur Essen für Karl-Heinz. Kuchen ist sein Beruf. Es ist seine Leidenschaft und ein Teil seines Alltags. Er kann schlecht morgens in die Backstube kommen und sagen: „So, ab heute möchte ich mit diesem Tortenmilieu nichts mehr zu tun haben." Karl-Heinz, das wäre beruflich vermutlich schwierig. Barbara Müller: Karl-Heinz meint, vor allem für die Hochzeit am Samstag. Was kann Karl-Heinz also verändern?
Barbara Müller Es geht nicht darum, von heute auf morgen sein komplettes Leben umzubauen. Realistische Veränderungen sind sinnvolle. Vielleicht muss Karl-Heinz nicht jeden Tortenboden selbst essen, der beim Zuschneiden übrig bleibt. Vielleicht: wird aus „Ich muss fünfmal probieren, ob die Creme schmeckt", irgendwann einmal bewusst probieren reicht. Barbara Müller: Das spart nebenbei auch Zeit. Was meinst du, Karl-Heinz? Wäre das machbar? Karl-Heinz überlegt. Einmal bewusst probieren statt fünfmal nebenbei? Ja, genau. Und Barbara, Baumkuchen bleibt? Klar, Karl-Heinz, wir verbieten heute keinen Baumkuchen. Gut, Barbara, dann können wir weiterreden. Vielleicht kann Bewegung Schritt für Schritt mehr Platz im Alltag bekommen und vielleicht kann seine Ernährung ausgewogener werden, ohne dass Baumkuchen offiziell zum verbotenen Gegenstand erklärt wird.
Barbara Müller Denn Genuss und Gesundheit müssen keine Erzfeinde sein. Es geht um kleine Veränderungen, die langfristig funktionieren. Schritt für Schritt. Oder in Karl-Heinz-Sprache: Schicht für Schicht, aber vorsichtig bei Krebs und Gewichtsabnahme. Barbara Müller: Bei Karl-Heinz gibt es allerdings einen besonders wichtigen Punkt. Er hat Darmkrebs. Deshalb soll der jetzt nicht auf eigene Faust beschließen. „Ab morgen mache ich eine Radikaldiät. Nur noch Salat und schlechte Laune." Nein, genau, Karl-Heinz, das machen wir nicht. Während einer Krebserkrankung und Krebstherapie kann die Ernährung ganz andere Anforderungen stellen als bei einer normalen Gewichtsreduktion.
Barbara Müller Deshalb gehören Ärzte und qualifizierte Ernährungsfachkräfte mit ins Team. Sie können gemeinsam mit Karl-Heinz überlegen, was während einer Behandlung sinnvoll und sicher ist. Das Ziel lautet also nicht,: möglichst schnell viele Kilos zu verlieren, sondern medizinisch sinnvoll handeln und den Körper bestmöglichst unterstützen. Barbara Müller: Was nehmen wir von Karl-Heinz mit? Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Folge. Adipositas sollte ernst genommen werden. Aber der Mensch ist nicht eine Zahl auf der Waage. Karl-Heinz ist nicht der Mann mit BMI zweiundvierzig. Er ist Karl-Heinz, Konditor, Baumkuchenspezialist, Hochzeitstortenarchitekt und vermutlich ein Mann, der bei dem Satz „Ich bringe etwas Kleines zum Kaffee mit", eine völlig andere Bedeutung hat als bei uns anderen.
Barbara Müller Seine Adipositas ist gesundheitlich relevant. Sein Darmkrebs muss behandelt werden und: gleichzeitig darf Karl-Heinz weiterhin der Mensch bleiben, der er ist. Er muss seinen Beruf nicht hassen. Er muss Baumkuchen nicht zum persönlichen Feind erklären. Aber vielleicht bekommt seine eigene Gesundheit künftig einen genauso festen Platz in seinem Terminkalender wie die nächste Hochzeitstorte. Barbara Müller: Denn bei Adipositas geht es nicht um Schuld. Es geht um Gesundheit, Risiken und sinnvolle Unterstützung. Und bei Krebs gilt ganz besonders: Ein Risikofaktor erklärt nicht automatisch, warum ein einzelner Mensch erkrankt ist. Ich frage Karl-Heinz zum Schluss: „Karl-Heinz, was nimmst du aus unserem Gespräch mit?"
Barbara Müller Karl-Heinz denkt kurz nach, dann sagt er „Dass ich nicht rückwärts nach Schuld suchen muss, aber: nach vorne vielleicht ein paar Dinge verändern muss." Ja, und Karl-Heinz, deine Torten dürfen weiterhin bleiben. Vielleicht werden sie etwas leichter. Das lassen wir genauso stehen, denn das Leben ist eben ein bisschen wie Baumkuchen. Barbara Müller: Es besteht aus vielen Schichten. Manche sind süß, manche sind schwierig und manche muss man erst einmal verdauen. Ein kleiner Merksatz zu dieser Folge: Die Torte darf ein Genussmittel bleiben, aber Gesundheit braucht mehr als ein Stück vom guten Vorsatz. Und bevor Karl-Heinz jetzt behauptet, Baumkuchen sei wegen seiner vielen Schichten automatisch eine ausgewogene Ernährung.
Barbara Müller Nein, mein lieber Karl-Heinz, so funktioniert das leider auch nicht. Ihr: Lieben, alles Gute bis zur nächsten Folge. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe, hier war eure Barbara. Und tschüss.
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