Hunger verstehen: Warum nicht jeder Hunger gleich ist

Shownotes

Kennst du das Gefühl? Du möchtest etwas essen, aber du bist dir nicht sicher, ob du wirklich hungrig bist. Oder du fragst dich, warum Diäten einfach nicht funktionieren. Ich nehme dich in dieser Folge mit auf eine anschauliche Reise durch die verschiedenen Arten von Hunger.

Im Mittelpunkt steht Bea. Bea ist 34 Jahre alt, arbeitet in einem Café und lebt seit ihrer Kindheit mit Adipositas (krankhaftem Übergewicht, bei dem das Körpergewicht gesundheitliche Risiken birgt). Bea hat unzählige Diäten ausprobiert und kennt den Satz „Ab Montag mache ich es richtig" nur zu gut. Am Montagabend ist meistens alles vorbei, denn dann kommt der große Hunger. Bea glaubt inzwischen, dass ihr die Disziplin fehlt. Doch das sehe ich anders.

Vier Gäste an deinem Tisch

Stell dir vor, du sitzt in einem Café und vier verschiedene Gäste setzen sich an deinen Tisch. Alle sagen „Ich möchte etwas essen", aber jeder meint etwas völlig anderes. Diese vier Gäste stehen für vier verschiedene Arten von Hunger:

Gast 1: Körperhunger. Der Körper braucht Energie und meldet sich. Das ist ein biologisches Signal, ähnlich wie die Tankanzeige beim Auto. Wenn die Lampe leuchtet, tanken wir schließlich auch, anstatt das Auto anzuschelten. Körperlicher Hunger ist also nichts Schlimmes, sondern eine völlig natürliche Reaktion.

**Gast 2: Gewohnheitshunger. **Nach Feierabend auf das Sofa, Fernseher an, Chips raus. Der Körper braucht in diesem Moment vielleicht gar keine Energie. Aber unser Gehirn liebt Abläufe und verknüpft bestimmte Situationen mit Essen. Die gute Nachricht: Gewohnheiten sind erlernt, und was gelernt wurde, lässt sich auch verändern. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt.

Gast 3: Gefühlshunger. Dieser Gast kommt besonders gern an schwierigen Tagen. Essen kann trösten, beruhigen, belohnen und ablenken. Der Gefühlshunger fragt eigentlich gar nicht „Was möchtest du essen?", sondern „Wie geht es dir gerade?" Wer das erkennt, kann sich zusätzlich fragen: Brauche ich gerade etwas anderes als Essen? Vielleicht Ruhe, ein Gespräch oder einfach Schlaf.

Gast 4: Der Genuss. Dieser Gast darf auf keinen Fall vor die Tür gesetzt werden. Essen ist nicht nur Energieversorgung, sondern auch Gemeinschaft, Kultur und Freude. Ein Stück Kuchen ist kein moralisches Versagen, sondern darf einfach Genuss sein.

Warum Gewicht so komplex ist

Körpergewicht wird nicht durch eine einzige Entscheidung gesteuert . Hunger und Sättigung entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel aus Gehirn, Magen-Darm-Trakt (dem gesamten Verdauungsweg von Mund bis Darm), Stoffwechsel (allen chemischen Prozessen im Körper, die Nahrung in Energie umwandeln), Hormonsignalen (chemischen Botenstoffen, die Informationen im Körper übertragen), Gewohnheiten, Gefühlen und weiteren Faktoren. Adipositas lässt sich also nicht auf mangelnde Willenskraft reduzieren.

GLP-1-Medikamente bei Adipositas

Bea hat von Medikamenten gehört, die an GLP-1-Signalwegen ansetzen (GLP-1 ist ein Darmhormon, das dem Gehirn signalisiert, dass man satt ist). Bea fragt: „Dann nehme ich das und habe einfach keinen Hunger?" Barbara Müller macht klar: So einfach ist es nicht. Solche Medikamente können für geeignete Patientinnen und Patienten Teil einer medizinischen Adipositas-Therapie sein und unter anderem Hunger- und Sättigungssignale (Meldungen aus Magen und Darm an das Gehirn, dass genug Nahrung aufgenommen wurde) beeinflussen. Ob eine medikamentöse Behandlung geeignet ist, welche Gegenanzeigen (Gründe, die gegen die Anwendung eines Medikaments sprechen) oder Nebenwirkungen berücksichtigt werden müssen und wie die Therapie begleitet wird, gehört jedoch in ärztliche Hände. Ein Medikament ersetzt nicht das Verständnis für die eigenen Hunger-Gäste.

Beas Erkenntnis und dein Wochenexperiment

Eine Woche später hat Bea etwas festgestellt: Sie hatte nicht ständig Hunger. Manchmal war es echter Körperhunger, manchmal Gewohnheit, manchmal Stress und manchmal wollte sie einfach etwas Leckeres. Barbara Müller gibt Bea eine Aufgabe: Eine Woche lang soll sie in typischen Esssituationen kurz innehalten und sich fragen: „Wer sitzt gerade bei mir am Tisch?" Das ist auch dein Experiment. Wenn du das nächste Mal etwas essen möchtest, halte kurz inne und frage dich: Ist es Körperhunger, Gewohnheitshunger, Gefühlshunger oder vielleicht einfach Genuss?

Du musst nichts verbieten und nichts bewerten. Beobachte erst einmal. Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem Ernährungsplan, sondern mit einem einfachen „Oh, du bist es." Hunger ist kein persönliches Versagen. Dein Körper ist kein Gegner!

Hinweis: Diese Folge dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Behandlung. Bei Fragen zu deiner individuellen gesundheitlichen Situation wende dich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.

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Transkript anzeigen

Barbara Müller: Nicht jeder Hunger möchte dasselbe. Manchmal lohnt es sich, erst zu fragen, wer da eigentlich gerade bestellt. Hallo, hier ist wieder Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Schön, dass du wieder dabei bist. Ich möchte heute einfach mal Danke sagen. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass so viele Menschen mit Adipositas meinen Podcast hören, mir ihr Vertrauen schenken und mich auf diesem Weg begleiten.

Barbara Müller Hinter jedem Zuhörer steckt ein Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, Herausforderungen und Hoffnungen. Genau für euch mache ich diesen Podcast. Also danke für euer Vertrauen, eure Nachrichten: und dafür, dass ihr immer wieder einschaltet. Ihr seid der Grund, warum ich mit so viel Freude weitermache. Barbara Müller: Heute möchte ich euch von Bea erzählen. Bea ist vierunddreißig Jahre alt. Sie arbeitet in einem kleinen Café und lebt schon seit ihrer Kindheit mit Übergewicht. Und Bea kennt Diäten und natürlich den berühmtesten Satz überhaupt: „Ab Montag mache ich es richtig. Ab Montag fange ich an." Am Montagabend ist alles wieder vorbei, denn dann kommt der große Hunger.

Barbara Müller Nur glaubt Bea inzwischen nicht mehr so richtig an den Montag. Bea fragt „Barbara, ich habe dieselben zwanzig Kilo wahrscheinlich schon mehrfach abgenommen. Und wenn es: dafür Treuepunkte gäbe, Barbara, hätte ich schon längst den Toaster gewonnen." Bea ist den ganzen Tag auf den Beinen. Im Café trägt sie Tabletts, räumt Tische ab, steht hinter der Theke, läuft zwischen der Küche und dem Gastraum hin und her. Barbara Müller: Trotzdem sagt sie zu mir: „Barbara, vielleicht fehlt mir einfach die Disziplin." Und genau da möchte ich heute genauer hinschauen. Denn vielleicht fehlt Bea gar nicht die Disziplin. Vielleicht sitzen einfach vier ziemlich hartnäckige Gäste an ihrem Tisch.

Barbara Müller Vier Gäste für Bea. Stell dir Bea bei der Arbeit im Café vor. Die Tür geht auf und Gast Nummer eins kommt herein. Kurz: danach Nummer zwei, dann Nummer drei und natürlich kommt auch Nummer vier. Und alle setzen sich an den Tisch und sagen: "Ich möchte etwas essen." Das Problem ist nur: Alle vier meinen etwas völlig anderes. Barbara Müller: Gast Nummer eins: Der Körperhunger. Der erste Gast ist ziemlich direkt. "Bea, Essen. Jetzt gleich." Im Café war seit dem Morgen ganz viel los. Ein Gast nach dem anderen. Bea hat Kaffee gemacht, Kuchen serviert und zwischendurch kaum Zeit gehabt. Ihr Mittagessen, hm, ausgefallen. Plötzlich ist es fünfzehn Uhr. Beas Magen knurrt.

Barbara Müller Die Konzentration lässt nach. Das ist einfach gesagt ihr Körperhunger. Der Körper braucht Energie und meldet sich. Und Hunger: ist nichts Böses. Er ist ein biologisches Signal. So ähnlich wie die Tankanzeige beim Auto. Wenn die Lampe leuchtet, stellen wir uns schließlich auch nicht vor das Auto und sagen: "Du musst dich einfach zusammenreißen", sondern wir tanken. Barbara Müller: Bea, der erste Gast darf bleiben. Natürlich. Der hat hier einen ziemlich guten Grund für seinen Besuch. Jetzt Gast Nummer zwei: Der Gewohnheitshunger. Nach Feierabend kommt Bea nach Hause. Schuhe aus, aufs Sofa, Fernsehen an. Und irgendwo in ihrem Gehirn passiert sofort: Fernseher an, Chips. Der Gast Nummer zwei sitzt praktisch schon auf dem Sofa, der Gewohnheitshunger.

Barbara Müller Der Körper braucht vielleicht gerade gar nicht dringend: Energie, aber unser Gehirn liebt Abläufe. Bestimmte Situationen können sich mit Essen verbinden. Fernsehen und Chips, Kino und Popcorn, Kaffee und Keks. Bea meint: „Bei mir ist es Sofa und Chips." Wie lange ist das denn schon so? Ich glaube, die Chips haben inzwischen einen eigenen Sitzplatz. Barbara Müller: Gewohnheiten sind keine Charakterschwäche. Sie sind erlernt. Und genau das ist gleichzeitig die gute Nachricht. Was gelernt wurde, kann auch verändert werden. Nicht unbedingt von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt. Gast Nummer drei: der Gefühlsunger. Gast Nummer drei kommt besonders gern an schwierigen Tagen.

Barbara Müller Im Café war so viel los. Ein Gast hat: sich beschwert, eine Kollegin war total gestresst und Bea ist einfach müde. Und plötzlich möchte sie etwas essen. Nicht unbedingt, weil ihr Magen leer ist, sondern weil Essen auch etwas anderes kann Essen kann trösten. Es kann beruhigen, es kann belohnen, es kann ablenken. Barbara Müller: Zumindest für einen Moment. Der Gefühlshunger fragt deshalb manchmal gar nicht: Was möchtest du essen? Seine eigentliche Frage lautet: Wie geht es dir gerade? Das bedeutet nicht, dass Bea nie aus Gefühlen heraus essen darf. Aber wenn sie erkennt, wer gerade am Tisch sitzt, kann sie sich zusätzlich fragen: Was brauche ich gerade?

Barbara Müller Vielleicht essen, vielleicht aber auch Ruhe. Vielleicht brauche ich jemand zum Reden,: vielleicht eine Dusche und anschließend direkt ins Bett. Bea, Barbara, vielleicht brauche ich auch Urlaub. Ja, Bea, den nehmen wir mit in die Auswahl. Gast Nummer vier: der Genuss. Und jetzt kommt ein Gast, den wir bitte nicht vor die Tür setzen. Barbara Müller: Genuss. Bea arbeitet im Café. Sie sieht dort jeden Tag Kuchen und Torte. Adipositas lässt sich deshalb nicht einfach auf mangelnde Willenskraft reduzieren. Bea hat sich jahrelang zusammengerissen. Vielleicht braucht sie nicht noch mehr Druck. Vielleicht braucht sie einfach ein besseres Verständnis dafür, was in ihrem Körper passiert.

Barbara Müller Und was ist mit diesen Medikamenten? Bea hat von Medikamenten gehört, die an GLP-eins beziehungsweise GLP-eins und Chip Signalwegen ansetzen. Bea: fragt: "Barbara, dann nehme ich das und habe einfach keinen Hunger." Moment mal, Bea. So einfach machen wir es uns nicht. Solche Medikamente können für geeignete Patientinnen und Patienten Teil einer medizinischen Adipositas-Therapie sein und unter anderem Hunger- und Sättigungssignale beeinflussen. Barbara Müller: Ob eine medikamentöse Behandlung für Bea geeignet ist, welche Gegenanzeigen oder Nebenwirkungen berücksichtigt werden müssen und wie die Therapie begleitet wird, gehört in ärztliche Hände. Und noch etwas: Genuss braucht keinen Strafzettel.

Barbara Müller Bea sagt "Schön, Barbara, jetzt habe ich eine ganze Tischgesellschaft von Hungergästen. Aber warum habe ich: mit meinem Gewicht solche Schwierigkeiten? Weil Körpergewicht eben nicht durch eine einzige Entscheidung gesteuert wird. Hunger und Sättigung entstehen durch ein ganz komplexes Zusammenspiel. Das Gehirn, der Magen-Darm-Trakt, der Stoffwechsel, Hormonsignale, die Umwelt, Gewohnheiten, Gefühle und weitere Faktoren." Barbara Müller: Heute steht ein Stück ihres Lieblingskuchen vor ihr. Bea hat ihn gegessen. Sie ist nicht ausgehungert. Sie ist nicht traurig. Sie denkt einfach: "Barbara, oh, der sieht ja fantastisch aus." Dann nimmt sie ein Stück. Sie riecht es, sie schmeckt es, sie genießt es. Und weißt du was? Das darf sein. Essen ist nicht nur Energieversorgung.

Barbara Müller Essen ist Gemeinschaft, Kultur, Erinnerung und Genuss. Aus einem Stück Kuchen muss keine: moralische Gerichtsverhandlung werden. Bea, also Barbara, keine Anklage. Nein, Bea, keine Beweisaufnahme. Oder ist es einfach Genuss? Und dann darf Bea entscheiden. Nicht verbieten, nicht schimpfen. Erst einmal verstehen.

Barbara Müller Eine Woche später sitzt Bea wieder bei mir. Bea „Barbara, ich habe etwas festgestellt." Ich warte. „Ich dachte immer, ich hätte ständig Hunger. Aber das stimmt nicht. Manchmal hatte ich wirklich Hunger. Manchmal war es Gewohnheit, manchmal Stress und manchmal wollte sich schlicht etwas Leckeres essen." Zum ersten Mal hat Bea nicht versucht, jeden Hunger zu: bekämpfen. Barbara Müller: Ein Medikament ersetzt Bea nicht. Es kann biologische Rahmenbedingungen verändern, aber Bea darf trotzdem ihre vier Gäste kennenlernen. Beas Experiment. Deshalb bekommt Bea keine Verbotsliste. Sie bekommt eine Aufgabe. Bea, Barbara, ist das schlimm? Ganz schlimm. Du musst kurz nachdenken. Oh, eine Woche lang soll Bea in typischen Esssituationen ganz kurz innehalten.

Barbara Müller Nicht jedes Mal nicht perfekt und ohne Punkte zu verteilen. Nur eine Frage Wer sitzt gerade bei mir am Tisch? Ist es der Körperhunger? Ist es Gewohnheitshunger? Ist es der Gefühlshunger? Sie hat zugehört und sie: fragt nicht mehr nur: "Was stimmt mit mir nicht?", sondern: "Was brauche ich gerade?" Barbara Müller: Dein Wochenexperiment: Wenn du möchtest, probier Beas Experiment selbst aus. Wenn du das nächste Mal etwas essen möchtest, halte ganz kurz inne, nur ein paar Sekunden und frage dich: Wer von meinen vier Gästen ist denn gerade da? Der Körperhunger, der Gewohnheitshunger, der Gefühlshunger oder ist es vielleicht der Genusshunger?

Barbara Müller Du musst nichts verbieten. Du musst nichts bewerten. Beobachte erst einmal. Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem Ernährungsplan, sondern mit einem "Oh, du bist es". Bea hat lange geglaubt, dass ihr einfach die Disziplin: fehlt. Heute sieht sie etwas anderes. Ihr Körper ist kein Gegner. Hunger ist kein persönliches Versagen. Barbara Müller: Und nicht jeder Wunsch zu essen, hat dieselbe Ursache. Am Tisch sitzen vier Gäste: Körperhunger, Gewohnheitshunger, Gefühlshunger und der Genusshunger. Keiner davon muss automatisch Hausverbot bekommen. Aber Bea darf lernen, sie auseinanderzuhalten. "Ja, Barbara und wer bezahlt jetzt die Rechnung?" Du, Bea. Ich wusste, dass die Geschichte einen Haken hat. Barbara Müller: Bis zum nächsten Mal. Passt gut auf euch auf. Eure Barbara. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Und tschüss, hier war Barbara.

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