John und der Hunger der Seele

Shownotes

Themen im Überblick

  • Emotionales Essen erkennen: Warum wir in Belastungssituationen nicht aus Hunger essen, sondern das Gehirn nach Geborgenheit sucht
  • Cortisol & Dopamin: Wie chronischer Stress den Appetit auf süße und fettige Lebensmittel verstärkt und das Belohnungssystem aktiviert
  • Der Stress-Essen-Schuld-Zyklus: Wie kurze Erleichterung, gefolgt von Schuldgefühlen, zu einem Teufelskreis wird
  • Adipositas im Alltag: Stühle, die nicht tragen – die unausgesprochene Angst vor dem Sitzen, vor Flugzeugen und fremden Blicken
  • Abnehmspritze (GLP-1-Rezeptor-Agonisten): Wann sie medizinisch sinnvoll sein können und warum sie Mitgefühl, Beratung und neue Gewohnheiten nicht ersetzen
  • Erste Schritte ohne Verbot: Warum Veränderung nicht mit Verboten beginnt, sondern mit Verständnis – und warum Hilfe suchen ein Zeichen von Stärke ist

Für wen ist diese Folge?

Diese Episode richtet sich an Menschen mit Adipositas und Übergewicht, die den Zusammenhang zwischen Stress, emotionaler Belastung und Essverhalten besser verstehen möchten – und die vielleicht selbst über einen medizinischen Behandlungsweg nachdenken, ohne sich dabei verurteilt zu fühlen.

Schlüsselerkenntnisse aus dieser Folge

  • Emotionales Essen ist keine Willensschwäche. Schon als Babys verknüpft das Gehirn Nahrungsaufnahme mit Sicherheit und Geborgenheit.
  • Anhaltender Stress erhöht den Cortisolspiegel und verstärkt das Verlangen nach energiereichen Lebensmitteln.
  • Schmackhaftes Essen schüttet Dopamin aus – der Moment der Erleichterung ist jedoch kurz, das belastende Gefühl bleibt.
  • Medikamentöse Unterstützung wie Abnehmspritzen können ein sinnvoller Baustein sein, ersetzen aber keine psychologische Begleitung und Verhaltensänderung.

Erwähnte Fachbegriffe kurz erklärt

Cortisol
Ein Stresshormon, das der Körper bei Belastung ausschüttet. Langfrist erhöht es den Appetit, besonders auf kalorienreiche Lebensmittel.
Dopamin
Ein Botenstoff im Belohnungssystem des Gehirns. Der Konsum schmackhaften Essens setzt Dopamin frei und erzeugt ein kurzes Gefühl der Befriedigung.
Emotionales Essen
Nahrungsaufnahme als Reaktion auf Gefühle wie Stress, Einsamkeit oder Trauer – nicht auf einen physiologischen Hunger.
GLP-1-Rezeptor-Agonisten (Abnehmspritze)
Medikamente, die auf das Hunger- und Sättigungsgefühl wirken. Sie können bei Adipositas medizinisch indiziert sein, erfordern aber ärztliche Begleitung.

Eine Botschaft zum Mitnehmen

„Du bist nicht undiszipliniert, du bist nicht gescheitert und du bist ganz sicher nicht allein. Manchmal braucht nicht der Magen Hilfe, sondern das Herz."

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Transkript anzeigen

​: Barbara Müller: Nicht jeder Hunger kommt aus dem Magen. Manchmal hungert die Seele nach Trost, nach Nähe und Hoffnung. Hallo ihr Lieben, hier ist wieder Barbara Müller, Diabetesberaterin der DG. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Macht es euch gemütlich, vielleicht mit einer Tasse Tee, denn heute wird es ein bisschen ruhiger, ein bisschen persönlicher und vielleicht erkennst du dich oder einen anderen Menschen wieder, den du lieb hast.

Barbara Müller Es klopft vorsichtig an meine Tür. Ganz leise. Herein. Die Tür öffnet sich, nur einen kleinen Spalt.: Ein großer Mann schaut herein. Sind Sie Barbara? Ich lächle. Wenn du Barbara suchst, dann bist du genau richtig. Er lächelt unsicher. Ich bin der John. John setzt sich ganz vorsichtig, als hätte er Angst, der Stuhl könnte unter ihm zusammenbrechen. Barbara Müller: Ich kenne diesen Blick. Viele Menschen mit Adipositas setzen sich nie einfach hin. Sie prüfen erst: Hält der Stuhl mich aus? Sind Armlehnen da? Passe ich da überhaupt hinein? Deshalb ganz wichtig: Wenn man mit übergewichtigen Patienten arbeitet, brauchen wir auch Stühle, die groß genug sind und die eine hohe Tragkraft haben.

Barbara Müller Was mir einmal passiert ist, war etwas ganz, ganz Schreckliches. Ein Stuhl ist während einer Schulung: zusammengebrochen. Das will niemand erleben. Niemand sollte sich solche Fragen stellen müssen. Und doch tun es so viele. John, schön, dass du da bist. Er nickt. Ehrlich gesagt wäre ich heute am liebsten wieder nach Hause gefahren. Barbara Müller: Warum denn? Er schaut auf den Boden. Weil ich Angst habe, dass Sie auch zu mir sagen, Sie müssen einfach weniger essen. Ich schüttle den Kopf. John, wenn Abnehmen so einfach wäre, gäb es keine Adipositas. Zum ersten Mal schaut John mich an.

Barbara Müller Johns Geschichte. Früher war John schlank. Er war ständig unterwegs, hat Sport gemacht, ist Rad gefahren, hat mit den Kindern getobt. Dann wird seine Stimme: leise. "Barbara, vor sechs Jahren kam die Scheidung. Seitdem ist nichts mehr wie früher. Ich sehe meine Kinder nur selten. Abends komme ich ins Hotel. Ich bin allein. Barbara Müller: Dann bestelle ich mir Essen. Nicht, weil ich Hunger habe, sondern weil es so still ist." Im Raum ist jetzt ganz ruhig. "John, darf ich dir etwas sagen?" Er nickt. "Du bist nicht schwach. Du bist ein Mensch. Und unser Gehirn verbindet Essen mit Geborgenheit. Schon als Babys, wenn wir gefüttert werden, fühlen wir uns sicher.

Barbara Müller Und deshalb greifen viele Menschen in belasteten Situationen zum Essen. Nicht aus mangelnder Disziplin, sondern weil das Gehirn Trost sucht." John wischt sich über die Augen. "Barbara, das: hat mir noch nie so jemand erklärt." Barbara Müller: Wissenschaft einfach erklärt. Wenn wir unter Stress stehen, schüttet unser Körper unter anderem das Hormon Cortisol aus. Kurzfristig hilft es uns, mit Belastungen umzugehen. Hält Stress jedoch lange an, kann Cortisol den Appetit verstärken, besonders auf energiereiche, süße und fettige Lebensmittel.

Barbara Müller Gleichzeitig aktiviert schmackhaftes Essen das Belohnungssystem im Gehirn. Dabei wird unter anderem Dopamin ausgeschüttet. Für einen kurzen Moment fühlen wir uns besser. Aber das Problem Das belastende Gefühl ist: danach oft noch da und viele Menschen geraten so in einen Kreislauf aus Stress, Essen, kurzer Erleichterung und anschließend die Schuldgefühle. Barbara Müller: John nickt langsam. Barbara, genau so fühlt sich das an. Barbara Müller: Die Flugzeuggeschichten. Ich frage: „John, wie oft fliegst du eigentlich?" „Fast jede Woche." „Und wie läuft das?" Er lacht zum ersten Mal. „Barbara, ich bete jedes Mal, dass der Sitznachbar möglichst schlank ist." Jetzt muss ich doch anfangen zu lachen. „Warum?" „Dann haben wir beide wenigstens eine halbe Armlehne." Jetzt fangen wir beide an zu lachen.

Barbara Müller Dann wird John wieder ernst. „Manchmal bitten mich die Flugbegleiter, den Sicherheitsgurt zu: überprüfen und ich merke, dass andere Passagiere schauen. In Europa, aber auch in China. Und Barbara, diese Blicke tun weh." Ich nicke. „Nicht dein Körper sollte dir peinlich sein, sondern die Vorurteile." Barbara Müller: Die Frage nach der Abnehmspritze. John atmet tief durch. „Barbara, deshalb bin ich eigentlich hier. Ich möchte endlich etwas verändern. Ich habe von der Abnehmspritze gehört und ich möchte wissen, ob sie für mich infrage kommt." Ich lächle. „Eine gute Frage, John. Und weißt du, was mir daran gefällt? Dass du nicht nach einem Wunder suchst, sondern nach einem Weg.

Barbara Müller: Abnehmspritzen können manchen Menschen helfen. Sie wirken unter anderem auf das Hunger- und das Sättigungsgefühl. Aber John, sie ersetzen weder Mitgefühl noch gute Beratung noch neue Gewohnheiten. Sie sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind, wenn sie medizinisch sinnvoll eingesetzt werden, eine mögliche Behandlung von Adipositas."

Barbara Müller John lächelt erleichtert. „Barbara, zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass mich niemand verurteilt." „Nein, John. Heute musst du nichts beweisen. Heute lernen wir uns erst einmal kennen und dann gehen wir den Weg gemeinsam. Das ist das Wichtigste Hilfe und Unterstützung.": Barbara Müller: Jetzt mein kleiner Mutmacher. Vielleicht kennst du dieses Essen gegen Kummer. Vielleicht greifst du auch manchmal nicht aus Hunger, sondern aus Sehnsucht zum Kühlschrank. Dann möchte ich dir heute etwas mitgeben. Du bist nicht undiszipliniert, du bist nicht gescheitert und du bist ganz sicher nicht allein.

Barbara Müller Manchmal braucht nicht der Magen Hilfe, sondern das Herz. Und genau dort beginnt Veränderung. Nicht mit Verboten, sondern mit Verständnis. Ich freue mich darauf, John auf seinem Weg begleiten zu dürfen. Und vielleicht begleitest du ihn ja auch ein Stück mit. Bis zum nächsten Mal, eure Barbara. Wenn ihr mich unterstützen: wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Barbara Müller: Alles Liebe und tschüss.

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