Anton und die sauren Dinosaurier
Shownotes
Seit Beginn einer medikamentösen Adipositastherapie hat sich etwas verändert: Hunger und das ständige Denken ans Essen sind deutlich leiser geworden. Anton hat bereits 16 Kilogramm abgenommen und merkt vor allem eines: Stehen und Gehen fallen ihm wieder leichter.
In dieser Folge erfährst du:
- warum Bewegungsmangel nicht immer eine Frage von Motivation ist,
- wie Schmerzen und Behinderung Gewicht und Essverhalten beeinflussen können,
- warum süße Lebensmittel das Belohnungssystem besonders ansprechen,
- wie Hunger und Sättigung im Gehirn reguliert werden,
- warum eine medikamentöse Adipositastherapie das Denken an Essen verändern kann,
- warum Gewichtsabnahme bei eingeschränkter Mobilität die Bewegung erleichtern kann,
- und weshalb Lebensqualität oft wichtiger ist als eine bestimmte Zahl auf der Waage.
❤️ Zitat zum Abschluss
„Nicht jeder kann große Schritte machen. Aber jeder Schritt, der wieder möglich wird, kann ein Stück Freiheit bedeuten.“
Transkript anzeigen
Barbara Müller: Veränderung beginnt nicht immer mit großen Schritten. Manchmal beginnt sie damit, dass der nächste Schritt überhaupt wieder möglich wird. Ja hallo ihr Lieben, hier ist wieder Barbara Müller und schön, dass ihr wieder dabei seid. Ich freu mich so. Heute geht es Anton. Anton ist sechsunddreißig Jahre alt. Er ist ein Meter achtundsiebzig groß und wiegt einhundertsiebenundvierzig Kilo.
Barbara Müller Er hat eine Schwerbehinderung aufgrund eines Trümmerbruchs am Bein. Er hatte einen schweren Unfall. Und Anton ist einer dieser Menschen, die trotz einer schweren Geschichte ihren Humor nicht verloren haben. Er kommt mit seinem Gehstock in meine Beratung. Er setzt sich: ganz langsam und legt eine Tüte auf den Tisch. Barbara Müller: Ich schau ihn an: "Anton, was ist denn das?" "Barbara, das ist Beweismaterial. Öffne mal die Tüte, Barbara. Was ist drin? Saure Dinosaurier, Zuckerschaummäuse, Colateufel. Die hab ich auch früher am Kiosk gekauft. Eine süße Tüte." Ich schau ihn an. "Du hast ja eine ganze zoologische Sammlung dabei, Anton." "Barbara, ich habe mich vorbereitet."
Barbara Müller Früher auf der Baustelle. Anton war Polier. Er hatte einen körperlich anstrengenden Beruf. Viel stehen, viel laufen, Treppen, Gerüste, unterschiedliche Baustellen. Und dann kam der Unfall. Ein schwerer Sturz. Das: Bein wurde massiv verletzt. "Barbara, mein Bein wurde zerschmettert", sagt Anton. Danach kamen Operationen, die Reha, Schmerzen und Barbara, irgendwann die Erkenntnis: So wie früher würde ich nie wieder laufen können und meinen Beruf konnte ich auch nicht mehr ausüben. Barbara Müller: Anton erzählt mir: "Barbara, das Schlimmste war nicht mal der Schmerz, sondern dass mein Leben plötzlich kleiner wurde. Früher war ich den ganzen Tag unterwegs. Dann wurde jeder Weg zur Frage: Kann ich denn da noch hin? Gibt's einen Aufzug? Wie weit muss ich denn laufen? Gibt's da einen Stuhl?"
Barbara Müller Bewegungsmangel ist nicht immer eine Entscheidung.: Das ist mir wichtig. Wenn wir über Adipositas sprechen, fällt schnell der Satz: "Du musst dich einfach mehr bewegen." Aber was ist mit Menschen, die sich nicht einfach mehr bewegen können? Bei Anton war Bewegung nicht mangelnde Motivation. Sie war einfach körperlich begrenzt.
Barbara Müller Die Schmerzen, die Behinderung, die Unsicherheit beim Gehen verändern den gesamten Alltag. Und wenn Bewegung schwerfällt, kann auch der tägliche Energieverbrauch sinken. Aber noch viel wichtiger ist Bewegung fehlt oft auch als Ausgleich für Stress, für Langeweile, für 'ne schlechte Stimmung. Und dann wird Essen manchmal zum einfachsten Trost.: Barbara Müller: Anton und der Kiosk. Ich frage: „Anton, wie oft warst du am Kiosk?" Der Anton schaut mich an. „Barbara, soll ich ehrlich sein?" „Ja bitte, Anton." „Fast jeden Tag." „Und was hast du gekauft, Anton?" „Ganz unterschiedliche Sachen. Zum Beispiel Schaummäuse, saure Dinosaurier, Kolatoisen, manchmal auch Lakritz." „Also eine ausgewogene Ernährung." Barbara Müller: Er fängt an zu lachen. „Natürlich, Barbara, ich hab von jeder Farbe etwas genommen."
Barbara Müller Warum Süßigkeiten so stark ziehen können. Unser Gehirn reagiert stark auf süße, energiereiche Lebensmittel. Sie aktivieren im Gehirn das: Belohnungssystem und dabei spielen ganz unterschiedliche Botenstoffe eine Rolle, unter anderem das Dopamin. Das bedeutet nicht, dass Zucker eine klassische Droge ist, aber unser Gehirn lernt sehr schnell. Barbara Müller: Das schmeckt mir gut, das gibt mir Energie, das möchte ich wieder haben. Gerade wenn Bewegung eingeschränkt ist, Schmerzen da sind oder der Alltag wenige Abwechslung bietet, kann Essen einen besonderen Platz im Leben bekommen. Der Anton erzählt mir: "Barbara, bei mir war das wie ein Dauerprogramm. Abends dachte ich schon daran, was ich mir morgen am Kiosk hole."
Barbara Müller Dann kam die medikamentöse Therapie. Anton spricht das Thema selbst an. "Barbara, das Verrückte ist,: seit der Spritze denk ich viel weniger an Essen." Ja, ich nicke. "Anton, das berichten viele Menschen. Medikamente zur Behandlung von Adipositas können unter anderem auf Signalwege wirken, die Hunger und Sättigung regulieren. Barbara Müller: Sie beeinflussen also nicht einfach Willenskraft. Sie verändern biologische Signale. Hunger kann früher nachlassen. Sättigung kann länger anhalten und bei manchen Menschen wird dieses ständige gedankliche Kreisen um Essen deutlich ruhiger." Anton sagt: "Barbara, früher habe ich den Kiosk gesehen und gedacht, saure Dinosaurier.
Barbara Müller Heute sehe ich den Kiosk und denke Zeitung." Ich fang an zu lachen. Das ist vermutlich: eine der ungewöhnlichsten Therapieerfolgskontrollen, die ich je gehört habe. Anton sagt: "Ich sage immer, Barbara, die Spritze schaltet mein Gehirn aus." Ich schüttle den Kopf. "Anton, nicht ganz. Dein Gehirn bleibt bitte angeschaltet." Barbara Müller: Wir fangen beide an zu lachen. Aber die Hunger- und Sättigungssignale können sich verändern. Das ist etwas anderes. Das Essen ruft einfach nicht mehr so laut. Der Anton nickt. "Genau, Barbara. Früher haben die sauren Dinosaurier geschrien und heute, Barbara, flüstern sie nur noch."
Barbara Müller Anton hat sechzehn Kilo abgenommen. Er sagt "Barbara,: das Schönste ist gar nicht die Zahl." Was ist es denn? "Barbara, ich kann wieder länger stehen und ich komme ein bisschen besser vorwärts." Und das, das ist so ein wichtiger Punkt. Bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität kann schon eine moderate Gewichtsreduktion die mechanische Belastung auf Gelenke und den Bewegungsapparat deutlich verringern. Barbara Müller: Und das bedeutet nicht, dass die Behinderung verschwindet, aber Bewegung kann leichter werden. Jeder Schritt kostet weniger Kraft und manchmal entsteht dadurch ein ganz positiver Kreislauf. Weniger Gewicht, etwas leichter bewegen, mehr Selbstvertrauen, mehr Aktivität und vor allen Dingen mehr Lebensqualität.
Barbara Müller Und der Anton, der testet sein neues Leben. Ich frage Anton: "Was hast du als Erstes gemacht, als du gemerkt hast, dass du besser stehen kannst?" "Barbara, ich bin im Supermarkt länger am Regal geblieben." Welches Regal? Der Anton drückt mich an. Nicht Süßigkeiten. Sehr gut. "Barbara, stell dir vor, ich war im Baumarkt.
Barbara Müller Ich habe Werkzeuge mir angeschaut." Ja klar, natürlich. Der Anton ist ja schließlich Polier im Ruhestand. Nicht jede Veränderung muss sportlich aussehen. Anton kann kaum einen Marathon laufen und das muss er auch nicht. Für ihn bedeutet Bewegung vielleicht ein paar Minuten länger stehen, ein paar Schritte mehr in der Wohnung, gezielte Physiotherapie, Übungen im Sitzen, leichte Kraftübungen oder einen kurzen Weg, den er früher: gemieden hat. Barbara Müller: Gesundheit ist nicht erst Bewegung, wenn sie nach Fitnessstudio aussieht. Gerade bei einer Behinderung muss sie sehr individuell angepasst werden.
Barbara Müller Anton und sein altes Leben. Dann wird's still. "Barbara, manchmal vermisse ich die Baustelle. Ich vermisse die Männer, den Lärm und vor allen Dingen, dass ich gebraucht wurde." Ich nicke. "Und jetzt?" "Barbara, jetzt merke ich, dass mein Leben nicht vorbei ist. Es ist anders." Das ist ein starker Satz, denn: Adipositas-Therapie bedeutet nicht nur weniger Gewicht. Barbara Müller: Für manche Menschen bedeutet es wieder teilnehmen, wieder rausgehen, wieder stehen, wieder planen, endlich wieder Hoffnung. Ein neues Leben beginnt. Der Anton erzählt mir: "Früher dachte ich, ich muss erst mal fünfzig Kilo abnehmen, bevor sich überhaupt etwas verändert." "Ja und jetzt, Anton?" "Barbara, ich merke, sechzehn Kilo verändern schon ganz viel."
Barbara Müller "Ja, genau. Deshalb schauen wir nicht nur auf ein Endziel. Wir schauen auf das, was heute besser geht." Der Anton nickt mir zu. "Barbara, ich kann länger stehen. Ich brauche weniger Pausen und ich fahre nicht mehr jeden Tag zum Kiosk." "Ja und Anton," ich grinse, "die sauren: Dinosaurier werden dich bestimmt vermessen." Barbara Müller: "Barbara, die kommen schon ohne mich klar." Barbara Müller: Jetzt ein kleiner Mutmacher von Barbara. Vielleicht kannst du dich auch nicht einfach mehr bewegen. Vielleicht hast du Schmerzen. Du hast eine Behinderung, vielleicht eine Verletzung oder dein Körper setzt dir Grenzen. Dann ist wichtig: Gesundheit ist kein Wettbewerb. Du musst nicht zehntausend Schritte machen, nur weil irgendeine Uhr das sagt.
Barbara Müller Vielleicht sind deine dreihundert Schritte heute schon eine riesige Leistung für dich. Vielleicht ist fünf Minuten stehen ein großer Erfolg. Vielleicht ist ein Erfolg, nicht jeden Gedanken ans Essen sofort ausführen zu müssen. Bei: Anton begann Veränderung nicht mit einem Fitnessstudio. Sie begann damit, dass sein Hunger leiser wurde. Barbara Müller: Dann wurde das Gewicht weniger. Dann wurde das Stehen leichter und plötzlich wurde sein Leben wieder ein bisschen größer. Anton steht am Ende unserer Beratung auf. Langsam, aber sicher. Er nimmt seinen Gehstock. Er schaut mich an und sagt: "Barbara, ich glaube, ich bekomme gerade ein Stück von meinem Leben zurück."
Barbara Müller Ich lächle. "Dann pass gut drauf auf." Er geht zur Tür, dreht sich noch einmal und falls du die sauren Dinosaurier willst." "Nein, Anton." "Sicher?", fragt Anton. "Ich bin ganz sicher." "Gut,: dann nehme ich sie wieder mit." Ich fang an zu lachen. "Aber Anton, nicht alle auf einmal." "Also Barbara, jetzt wirst du wieder streng." Barbara Müller: Ja, ihr Lieben, ich bin Barbara Müller. Passt ganz gut auf euch auf und denkt daran: Ein neues Leben beginnt manchmal nicht mit einem großen Sprung. Manchmal beginnt es mit einem kleinen Schritt, eher plötzlich, wie der möglich ist. Bis zum nächsten Mal. Alles Liebe, eure Barbara. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Barbara Müller: Und tschüss, hier war Barbara.
Neuer Kommentar