Die Geschichte von Paul – Diabetes und Adipositas bei Menschen mit Behinderung

Shownotes

  • Wie sich Adipositas und Insulinresistenz anfühlen können und warum sie keine Frage von "zu viel essen" oder Willenskraft sind
  • Warum Menschen mit geistiger Behinderung in der Medizin oft unterschätzt werden – und warum sie das gleiche Recht auf gute, verständliche Behandlung haben wie alle anderen
  • Verständliche Erklärungen zu Blutzuckerwerten (HbA1c, C-Peptid) ohne Fachchinesisch
  • Wie versteckter Zucker in Saft und Softdrinks den Blutzucker beeinflusst – mit einem anschaulichen Vergleich (Äpfel vs. Saftglas)
  • Warum kleine, machbare Veränderungen (z. B. Cola Zero statt Cola) oft nachhaltiger wirken als der Anspruch auf Perfektion
  • Ermutigendes Beispiel: Pauls Fortschritte nach zehn Wochen – mehr Energie, weniger Gewicht, mehr Lebensfreude

Für Beraterinnen und medizinisches Fachpersonal:

  • Praxisnahe Methoden zur Patientenschulung bei geistiger Behinderung: kurze Sätze, konkrete Bilder, Wiederholung statt komplizierter Erklärungen
  • Konkrete Schulungstools aus der Praxis: das „Bremspedal"-Bild zur Erklärung von GLP-1-Wirkung und die Stoffpizza zur Veranschaulichung von Portionsgrößen
  • Bedeutung der Einbindung von Angehörigen und gesetzlichen Betreuern in den Therapieprozess
  • Medizinischer Hintergrund: Einsatz von Chip (GIP) und GLP-1 in Kombination mit Metformin bei Adipositas und Typ-2-Diabetes
  • Hinweis auf die reduzierte Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung durch Übergewicht, Bewegungsmangel und schlechtere medizinische Versorgung – und die Verantwortung, dem aktiv entgegenzuwirken
  • Reflexion zu Rechten von Menschen mit Behinderung: Zugang zu moderner Therapie, verständlicher Aufklärung und Teilhabe als medizinischer Grundauftrag

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Barbara Müller: Jeder Mensch hat das Recht auf die beste Medizin, auch wenn er Hilfe braucht, sie zu verstehen. Hallo, ihr Lieben. Hier ist wieder eure Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Und heute habe ich euch einen ganz besonderen Wunsch erfüllt. Viele von euch haben mir geschrieben: "Mach bitte einmal einen Podcast über einen Menschen mit Behinderung.

Barbara Müller Erzähl, wie Medizin dort wirklich funktioniert. Erklär es einfach auch für Angehörige und für die Betroffenen." Und genau das machen wir heute. Diese Folge bedeutet mir persönlich unglaublich viel, denn Menschen mit Behinderung werden in der: Medizin leider oft vergessen, unterschätzt oder nicht richtig verstanden. Barbara Müller: Aber hinter jeder Diagnose steckt ein Mensch mit Humor, mit Gefühlen, mit Ängsten, mit Wünschen, mit Würde. Und genau um so einen Menschen geht es heute. Bevor wir starten, möchte ich einfach noch mal Danke sagen. Danke, dass ihr mir zuhört. Danke, dass ihr euch Zeit nehmt für dieses wichtige Thema. Und danke an alle Angehörigen, Betreuerinnen, Pflegekräfte und Menschen mit Behinderung, die jeden Tag kämpfen, lernen, lachen und weitermachen. Barbara Müller: Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Und jetzt? Jetzt kommt die Geschichte von Paul

Barbara Müller Und ich: sag's euch ehrlich, dieser Mann kommt in die Praxis, macht die Tür auf, grinst mich an, umarmt mich und plötzlich ist eine gute Stimmung im Raum. Paul hat eine geistige Behinderung. Er lebt in einer Wohngemeinschaft und hat einen gesetzlichen Betreuer. Aber eines möchte ich direkt am Anfang sagen: Menschen mit Behinderung sind nicht weniger wert, nicht weniger wichtig, nicht weniger klug, nicht weniger lebenswert.

Barbara Müller Und sie haben genau das gleiche Recht auf moderne Medizin wie alle anderen auch. Jetzt kommen wir zu Paul. Paul ist vierunddreißig Jahre alt. Er ist ein Meter einundsiebzig groß, er wiegt einhundertvierundvierzig Kilo und: er liebt Fußball. Er ist der größte Fan von Eintracht Frankfurt. Und was isst er gern? Barbara Müller: Pizza, Schnitzel, dicke Eisbecher und er liebt süße Getränke. Und gleich beim ersten Termin sagt er zu mir: „Zuckerfee, die Frau Doktor hat mich zu dir geschickt." Die liebe ich. Sie ist auch ein Eintracht-Fan. Ich soll zu dir, weil ich immer Hunger habe. Ich könnte immer essen. Und wisst ihr was? Das höre ich bei schwerem Übergewicht ganz, ganz oft.

Barbara Müller Denn Adipositas ist nicht einfach zu viel essen. Das ist Medizin, das ist Stoffwechsel, das ist Biologie. Ganz einfache Wissenschaft für euch. Paul hat einen sehr hohen Blutzucker.: Der HbA1c liegt bei elf Komma drei Prozent beziehungsweise hundert Millimol, also viel zu hoch. Sein Körper produziert sogar noch viel Insulin. Barbara Müller: Das sehen wir am hohen C-Peptid. C-Peptid ist ein Laborwert, der uns Auskunft gibt, wie viel eigenes Insulin noch produziert wird. Also ein sehr, sehr wichtiger Wert in der Diabetologie. Aber das Problem, was Paul hat, das Insulin wirkt nicht mehr richtig. Das nennt man Insulinresistenz. Das bedeutet ganz einfach, der Körper macht immer mehr Insulin, aber die Zellen hören nicht mehr gut zu.

Barbara Müller Und dann passiert etwas ganz, ganz Gemeines. Man bekommt mehr Hunger, man bekommt mehr Gewicht, man ist schlapp und müde und: der Diabetes wird immer schlechter. Der Körper schreit praktisch ständig, iss etwas, iss etwas, iss etwas. Ich brauche Energie. Was bedeutet geistige Behinderung in der Praxis? Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Punkt: Menschen mit geistiger Behinderung haben oft Schwierigkeiten mit der Planung, mit langfristigen Entscheidungen, mit den Terminen, mit komplizierten Erklärungen und vor allen Dingen auch mit abstrakten Zusammenhängen.

Barbara Müller Das bedeutet aber nicht, dass sie es nicht verstehen. Es bedeutet, wir müssen anders erklären. Nicht komplizierter, sondern einfacher. Wichtig kurze Sätze, klare Bilder immer wieder wiederholen, viel Lob und viel Anerkennung. Und ganz,: ganz wichtig: Angehörige und Betreuer müssen mitgeschult werden, denn Therapie funktioniert nur gemeinsam. Barbara Müller: Jetzt etwas zur Lebenserwartung und zur Realität. Menschen mit geistiger Behinderung haben leider oft eine kürzere Lebenserwartung. Warum ist das so? Nicht wegen der Behinderung allein, sondern weil sie häufiger an Übergewicht, an Diabetes, an Bewegungsmangel und auch an schlechterer medizinischer Versorgung leiden.

Barbara Müller Viele werden außerdem unterschätzt und das macht uns in der Praxis ganz traurig. Die Frau Doktor, mich als Diabetesberaterin und das ganze Team. Deshalb haben Menschen mit Behinderung bei uns in der Praxis: einen ganz besonderen Stellenwert. Denn moderne Medizin darf kein Luxus sein. Barbara Müller: Die neue Therapie für Paul. Wir entscheiden uns deshalb für eine ganz moderne Therapie. Chip und GLP-1, dazu weiterhin Metformin. Und jetzt kommt einfache Medizin. Diese neuen Medikamente helfen dem Körper zu sagen: "Du bist satt." Sie bremsen den Hunger. Der Magen arbeitet langsamer, der Blutzucker wird besser.

Barbara Müller Paul kommt zu uns in die Praxis und wir spritzen das erste Mal Chip und GLP-1. Und dann passiert etwas völlig Verrücktes.: Paul kommt nach einer Woche wieder in die Praxis. Er hatte den großen Pizzaschock. Er setzt sich hin, verschränkt die Arme, schaut mich total böse an und sagt: „Zuckerfee, das Medikament ist blöd". Barbara Müller: Ich frage: „Warum denn, Paul?" Und dann sagt er völlig empört: „Zuckerfee, ich schaffe keine ganze Pizza mehr". Jetzt muss ich doch mal anfangen zu lachen. Und dann sagt er noch: „Und mir war schlecht". Das ist nämlich typisch am Anfang. Der Körper muss lernen. Paul, langsamer essen, kleine Portionen, früher satt sein.

Barbara Müller Früher konnte Paul ein Riesenschnitzel essen und einen dicken Eisbecher noch hinterher. Manchmal hat er sogar eine: Familienpizza geschafft. Und heute sagt der Körper: „Stopp, es reicht". Das macht Paul erst einmal wütend Barbara Müller: Wie erklärt man das ganz einfach? Ich sage zu Paul: „Schau mal, Paul, das ist ein Auto." Ich deute auf das Bremspedal. „Paul, was ist denn das? Das ist ein Bremspedal im Auto. Dann bleibt das Auto stehen. Ja, Paul. Und weißt du, was ich mit dem neuen Medikament gemacht habe? Früher hatte dein Bauch kein Bremspedal.

Barbara Müller Du, Paul, ich hab dir eins eingebaut mithilfe von dem neuen Medikament." Er schaut mich an, dann nickt er langsam und plötzlich versteht er es. Ja, das ist eine gute: Schulung mit Bildern, nicht Fachchinesisch. Medizin zum Sehen und zum Anfassen. Jetzt zeige ich ihm eine Stoffpizza. Die habe ich in einem schwedischen Möbelhaus gefunden, in der Spielwarenabteilung. Barbara Müller: Ihr wisst schon, was ich meine. Die ist toll, weil sie aufgeteilt ist. Immer in Viertelstücke. Jetzt bildlich, um es Paul zu zeigen: "Paul, früher konntest du eine ganze Pizza essen. Jetzt schaffst du nur noch die Hälfte." Paul nimmt sich zwei Viertelstücke. "Ja, Paul, super. Genau die Hälfte. Und die andere Hälfte, die gibst du Doris, deiner Freundin.

Barbara Müller Ach, Zuckerfee, das ist gut. Dann freut sich Doris." Ich bitte Paul, es auszuprobieren, bis wir uns in der nächsten Woche wiedersehen.: Sein Betreuer, der sitzt im Hintergrund, lächelt und nickt. Jetzt die Sache mit dem Apfelsaft. Ich frage: "Paul, was trinkst du so?" Er sagt: "Zuckerfee, ich liebe Apfelsaft." "Ja, Paul, und wie viel trinkst du davon?" Barbara Müller: "Ganz, ganz viel. Ich habe immer viel, viel Durst." Und jetzt wird's spannend. Denn viele Menschen glauben, Saft ist gesund. Aber wissenschaftlich stimmt das nur halb. Ein großes Glas Apfelsaft oder Orangensaft enthält genauso viel Zucker wie Coca Cola. Ein Beispiel: Cola enthält zehn bis elf Zuckerwürfel pro Glas.

Barbara Müller Apfelsaft ähnlich so viel. Limo oft: noch viel mehr. Und warum? Weil im Saft die Ballaststoffe fehlen. Das Obst wird praktisch zu flüssigem Zucker. Ich sage zu Paul: "Was meinst du denn, Paul? Wie viele Äpfel würdest du essen?" "Ich esse immer nur einen." "Und was glaubst du, wie viele Äpfel stecken in dem Saft, den du trinkst?" Barbara Müller: "Da habe ich keine Ahnung." Ich sage: "So ungefähr vier bis fünf." Ich lege fünf Äpfel neben das Saftglas. Paul schaut ganz entgeistert. Das ist ja Wahnsinn. Nein, das ist Schulung zum Anfassen. Da schaut er mich an wie beim Elfmeter im Finale.

Barbara Müller Paul liebt fette Cola.: Die Frage: Cola Zero statt normale Cola? Jetzt kommt was Wichtiges. Perfektion funktioniert selten. Kleine Schritte sind angesagt, die funktionieren viel besser. Wenn Paul statt normaler Cola, Cola Zero trinkt, dann ist das erst mal ein guter Schritt in die richtige Richtung. Es ist nicht perfekt, aber besser als fette Cola.

Barbara Müller Und genau so arbeitet moderne Adipositas-Medizin. Nicht mit Schimpfen, nicht mit Schuld, sondern mit kleinen machbaren Veränderungen. Paul ist schon etwas sauer und trotzdem tapfer. Und wisst ihr, was mich berührt hat? Paul war manchmal richtig genervt. Er sagt "Zuckerfee,: ich will wieder richtig essen." Das war ganz ehrlich von Paul. Barbara Müller: Denn Essen ist nicht nur Hunger. Essen ist Freude, Trost, Gewohnheit, Gemeinschaft. Deshalb brauchen Menschen mit Adipositas keine Vorwürfe. Sie brauchen Unterstützung von uns.

Barbara Müller Zehn Wochen später. Dann kommt Paul aus dem Sprechzimmer unserer Ärztin. Ich treffe ihn vor der Anmeldung. Paul in einem neuen Eintracht-Trikot und es spannt auch nicht mehr. Beide grinsen, die Ärztin und der Paul. Und dann ruft er durch die ganze Praxis, man hört es bis ins Wartezimmer: "Zuckerfee, Zuckerfee, mir geht's viel besser. Barbara Müller: Ich habe elf Kilo abgenommen." Die Ärztin sagt: "Barbara, der Blutdruck ist besser. Der Blutzucker ist super." Und Paul sagt: "Ich schwitze nicht mehr so und bekomme auch besser Luft." Und was ich sehe, das ist die Lebensfreude von Paul. Und plötzlich sagt er etwas ganz Wichtiges: "Zuckerfee, ich kann viel besser laufen, sogar ein bisschen rennen."

Barbara Müller Nicht die Zahl auf der Waage ist entscheidend, sondern das Leben. Aber auch die Entscheidung von unserer Ärztin, die neue Therapie Chip und GLP eins einzusetzen.: Barbara Müller: Rechte von Menschen mit Behinderung. Und deshalb möchte ich am Ende etwas ganz klar sagen: Menschen mit Behinderung haben Rechte. Das Recht auf gute Medizin, verständliche Aufklärung, moderne Therapien, Respekt, Teilhabe, Würde. Niemand darf benachteiligt werden, weil Lernen schwerer fällt. Im Gegenteil, wir müssen es einfach besser erklären.

Barbara Müller Medizin einfach machen. Paul steht auf, er drückt mich, er umarmt mich, drückt auch noch mal die Ärztin und sagt "Frau Doktor und Zuckerfee, ich schaff das." Und wir glauben ihm, denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit Verzicht,: sondern mit Verständnis. Ich bin eure Barbara Müller und ich sage heute: Gesundheit bedeutet nicht, perfekt zu sein. Barbara Müller: Gesundheit bedeutet, gemeinsam kleine Schritte zu gehen. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe, die Zuckerfee.

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