Essen als Sucht
Shownotes
In dieser Folge spricht Barbara Müller über Frederik, 54 Jahre alt, 163 Kilo schwer und seit Jahren gefangen in einem Kreislauf, der weit mehr ist als einfach „zu viel essen". Frederik denkt den ganzen Tag an Essen – nicht aus Lust, sondern weil sein Gehirn gelernt hat, Essen als Trost, Sicherheit und Gesellschaft zu nutzen.
Barbara erklärt verständlich und einfühlsam, wie Esssucht im Gehirn entsteht: Dopamin, Belohnungssysteme und hochverarbeitete Lebensmittel spielen zusammen – und schaffen suchtähnliche Muster, die sich nicht einfach mit Disziplin lösen lassen. Dazu kommen schwere gesundheitliche Folgen: Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Fettleber und ein bereits überstandener Herzinfarkt.
Was hilft Frederik wirklich? Barbara beleuchtet moderne Behandlungsmöglichkeiten – von GLP-1-Medikamenten bis zu Magenbypass – und macht gleichzeitig klar: Keine Spritze heilt Einsamkeit. Keine Operation heilt die innere Leere. Echte Veränderung braucht Gespräche, Verständnis und professionelle Begleitung.
Eine Folge für alle, die sich fragen: Bin ich einfach schwach – oder vielleicht krank?
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00:00:00: Barbara Müller: Adipositas beginnt oft nicht im Magen, sondern im Kopf. Hallo ihr Lieben, hier ist wieder eure Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Schön, dass ihr wieder da seid. Ich freu mich so. Und heute sprechen wir über ein Thema, das viele Menschen tief bewegt und oft auch beschämt: über Essen. Denn manche Menschen essen nicht einfach gern, sondern sie denken ständig ans Essen.
Barbara Müller Und genau darum geht es heute. Heute geht es um Frederik. Frederik ist vierundfünfzig Jahre alt. Er wiegt einhundertdreiundsechzig Kilo. Er ist ein Meter dreiundachtzig: groß. Er ist Beamter im Liegenschaftsamt. Ein Mann, der seit fünfundzwanzig Jahren denselben Schreibtisch sieht. Er sieht seine Akten, die Kaffeemaschine, den Computer und den Kühlschrank. Barbara Müller: Und dann wieder alles von vorne. Frederik lebt alleine. Und irgendwann sagt er zu mir: "Barbara, mein Kopf denkt den ganzen Tag an Essen, wie andere Menschen an Urlaub." Und jetzt kommt etwas, das gleichzeitig lustig ist, aber auch ein bisschen traurig. Denn Frederik liebt Speisekarten. Wirklich. Andere Menschen, die lesen abends Krimis.
Barbara Müller Ich übrigens auch. Frederik: liest die Karte vom Italiener, vom Griechen, vom Inder, vom Asiaten, einfach von allen Restaurants. Und das mit Leidenschaft, mit Gefühl und wahrscheinlich mit mehr Emotionen als manche beim Lesen von Liebesbriefen.
Barbara Müller Er sagt irgendwann „Barbara, ich schaue Speisekarten an und freue mich richtig. Andere sammeln Briefmarken. Ich sammle Speisekarten und Apps von Lieferdiensten. Ich freue mich so, wenn ich mir vorstelle, dass ich mir etwas Gutes bestelle." Und tatsächlich, bei Lieferando kennt man ihn inzwischen vermutlich: besser als manchen Verwandten. Barbara Müller: Frederik sagt: „Barbara, wenn ich die App öffne, begrüßt sie mich wahrscheinlich bald mit Vornamen." Jetzt wird es wissenschaftlich spannend. Barbara Müller: Und genau das zeigt etwas ganz Wichtiges. Bei Esssucht reagiert das Gehirn oft schon vor dem Essen. Allein die Vorstellung, die Bilder, die Gerüche, die Gedanken an Essen und die Gedanken an die Speisekarten, die aktivieren bereits das Belohnungszentrum. Das Gehirn fängt an und schüttet Dopamin aus, schon bei der freudigen Erwartung.
Barbara Müller Deshalb fühlen manche Menschen beim Bestellen fast schon Vorfreude, wie andere vor Weihnachten.: Und genau deshalb ist Esssucht so schwierig zu behandeln. Denn Essen begegnet uns überall in der Werbung, Lieferapps, in der Bäckerei, an der Tankstelle. Der moderne Alltag ist praktisch ein Dauerbuffet fürs Gehirn. Barbara Müller: Und genau das ist wichtig. Denn viele Menschen mit Adipositas kämpfen nicht einfach gegen Hunger, sondern gegen Essdruck.
Barbara Müller Jetzt kommen wir zum Gehirn. Essen und Gehirn. Jetzt wird's wissenschaftlich, auch mit ein bisschen Wiederholung. Wenn wir essen, aktiviert das Gehirn das Belohnungssystem. Dabei wird unter anderem Dopamin ausgeschüttet.: Was macht Dopamin? Dopamin vermittelt ein Wohlgefühl. Es ist eine Belohnung und es entspannt kurzfristig. Barbara Müller: Besonders stark passiert das, wenn ich viel Fett, viel Zucker und hochverarbeitete Lebensmittel zu mir nehme. Und das Gehirn, das lernt ganz schnell. Davon will ich mehr. Und genau deshalb kann Essen bei manchen Menschen suchtähnliche Mechanismen entwickeln. Nicht so offiziell wie bei Alkohol und Nikotin, aber biologisch so ähnlich
Barbara Müller Frederiks Angst. Frederik sagt irgendwann zu mir "Ich habe ständig Angst, nichts im Haus zu haben.: Mein Kühlschrank ist immer voll. Immer, immer. Es ist Wurst, Pudding, Käse, Fertigbrüste und Barbara auch noch Tiefkühlpizza für den Notfall des Notfalls." Denn Essen bedeutet für Frederik Sicherheit. Und genau das ist physiologisch spannend. Barbara Müller: Viele Menschen mit Esssucht erleben Angst, Einsamkeit, Stress, innere Leere, wenn kein Essen da wäre und Essen beruhigt sie kurzfristig. Barbara Müller: Jetzt kommt der Barbara-Moment. Frederick sagt zu mir: „Barbara, mein Kühlschrank hat mehr soziale Kontakte als ich." Aber wir kommen jetzt zu den gesundheitlichen
Barbara Müller Folgen für Fredericks Körper. Fredericks Körper leidet inzwischen massiv.: Er hat Diabetes mellitus Typ zwei, er hat Bluthochdruck, er hat eine Fettleber. Barbara Müller: Er hatte auch bereits einen Herzinfarkt gehabt und er nimmt jeden Tag eine Handvoll Medikamente. Frederick will wissen: „Barbara, erklär mir doch mal ganz einfach, der Doktor hat zu mir gesagt, ich habe eine Fettleber." Jetzt wird's wieder ein bisschen wissenschaftlich. Fettleber, was passiert denn da im Körper?
Barbara Müller Bei starkem Übergewicht lagert sich Fett nicht nur am Bauch ab, sondern auch in der Leber. Das nennt man Fettleber. Die Leber wird regelrecht verfettet. Und das Problem Die Leber entzündet sich oft still. Viele merken lange gar nichts. Doch langfristig kann daraus entstehen, es kommt zu Leberentzündungen, die Leber: vernarbt. Barbara Müller: Es kann auch zu Leberzirrhose kommen und Diabetes mellitus verschlechtert sich zusätzlich. Barbara Müller: Jetzt kommen wir zu dem Herz. Adipositas erhöht außerdem das Risiko für einen Herzinfarkt. Frederik hat schon einen gehabt. Für Bluthochdruck. Sein Blutdruck ist kaum einstellbar. Für einen Schlaganfall. Er hat bereits eine Schlafapnoe und trägt nachts eine Maske. Denn Fettgewebe ist nicht einfach ein Speicher.
Barbara Müller Es produziert auch Entzündungsstoffe. Der Körper gerät in einen chronischen Entzündungszustand Wann wird Essen zur Esssucht? Frederik beschreibt ganz: typische Zeichen. Essen ohne Hunger. Er hat jeglichen Hunger verloren. Er isst heimlich. Immer wenn es ihm schlecht geht, isst er gegen oder für seine Gefühle. Barbara Müller: Sein Problem: Er denkt ständig an Essen. Und genau da merken wir, der Kopf ist beteiligt. Deshalb reicht es oft nicht, einfach zu sagen: "Ja, iss halt weniger. Beherrsch dich einfach mehr. Du bist selber schuld." Er stellt die Frage. Barbara, was ist denn eigentlich mit dieser Abnehmspritze? Wäre das was für Barbara Müller: mich?
Barbara Müller Ja, jetzt kommt erst mal die moderne Medizin. Chip und GLP-1-Medikamente wirken im Gehirn. Hunger, Sättigung, Essverlangen wird reduziert. Das berichten viele Menschen.: Auch weniger Essensgedanken. Und genau das wäre für Frederik plötzlich unglaublich. Denn zum ersten Mal würde er nicht jede Minute an Essen denken. Barbara Müller: Zusätzlich verlangsamen diese Medikamente oft die Magenentleerung. Man bleibt einfach länger satt. Und wissenschaftliche Studien zeigen, eine deutliche Gewichtsreduktion ist möglich. Frederik will aber noch mehr wissen. Er fragt: "Barbara, was ist ein Magenband? Was ist ein Magen-Bypass?" Ein Magenband erkläre ich mal ganz einfach.
Barbara Müller Früher wurde häufig das Magenband eingesetzt. Dabei wird ein Band den oberen Magen gelegt. Der Magen wird kleiner, Menschen werden schneller: satt. Heute wird das Magenband seltener verwendet, weil langfristig oft es zu Problemen gekommen ist. Es ist verrutscht, man bekommt Sodbrennen und bei manchen Menschen kam es auch zu einer erneuten Gewichtszunahme. Barbara Müller: Jetzt, was ist ein Magen-Bypass? Einfach erklärt. Heute wird häufiger der Magen-Bypass durchgeführt. Dabei wird der Magen verkleinert und ein Teil des Dünndarms umgangen. Das bedeutet, man kann kleinere Portionen zu sich nehmen. Dadurch nimmt man weniger Kalorien auf. Es kommt aber auch zu hormonellen Veränderungen.
Barbara Müller Und jetzt wird's spannend. Viele Patienten berichten weniger Hunger, denn auch Darmhormone verändern sich. Der Stoffwechsel reagiert oft erstaunlich positiv. Diabetes: verbessert sich teilweise sehr schnell. Jetzt kommt wieder ein Barbara-Moment. Frederick sagt: „Barbara, mein Magen braucht offenbar Hilfe." Barbara Müller: Aber hinter all dem steckt oft etwas ganz anderes. Denn Essen bedeutet für Frederik nicht nur Geschmack, sondern Trost, Beschäftigung, Freude, Gesellschaft. Denn wenn man alleine lebt, kann eine warme Pizza manchmal kurz das Gefühl geben, du bist nicht alleine. Und genau deshalb braucht er eine Barbara Müller: Adipositastherapie.
Barbara Müller Er braucht nicht einen Kalorienrechner. Er braucht nicht eine Abnehmspritze. Er braucht nicht ein Magenband oder einen: Magenbypass und so weiter, sondern Frederik braucht Verständnis, Gespräche, Struktur, eine echte Lebensveränderung Barbara Müller: Keine Operation heilt Einsamkeit. Keine Spritze heilt die innere Leere. Und genau deshalb braucht Adipositastherapie immer auch Gespräche, Verhaltenstherapie, Unterstützung. Denn viele Menschen essen nicht nur mit dem Magen, sondern mit der Seele.
Barbara Müller Jetzt der Wendepunkt. Frederik beginnt langsam mit einer Veränderung gemeinsam mit: einem Adipositas-Team. Nicht perfekt, aber ehrlich. Weniger Fertigessen, mehr Bewegung, Therapie. Und irgendwann sagt er etwas sehr Wichtiges: "Barbara, ich dachte immer, ich wäre einfach schwach. Vielleicht war ich einfach krank." Barbara Müller: Und genau das müssen viele Menschen hören. Adipositas ist keine Charakterschwäche, sondern eine ganz komplexe Erkrankung. Zum Abschluss: Vielleicht hört heute jemand zu, der ständig an Essen denkt, der sich schämt oder glaubt, versagt zu haben. Dann möchte ich euch sagen: Ihr seid nicht faul, ihr seid nicht wertlos und ihr seid auch nicht allein.
Barbara Müller Manchmal braucht der Körper Hilfe: und manchmal auch die Seele. Ich bin eure Barbara Müller und ich sage heute: Der erste Schritt beginnt oft nicht mit weniger Essen, sondern mit mehr Verständnis für sich selbst. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe, eure Barbara.
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